Hanne Oerstavik - Als ich gerade glücklich war

Originaltitel: Like sant som jeg er virkelig
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2002
175 Seiten, ISBN: 342324304X

Aufwachen an einem wunderschönen, sonnigen Morgen, sich noch einmal im Bett räkeln und als ersten Gedanken die Gewissheit: heute geht es auf die Reise, heute wird weggeflogen, und zwar mit ihm, mit Ivar, dem Geliebten.

Doch Johannes glücklicher Tagesbeginn endet jäh - an ihrer Zimmertür. Vergeblich rüttelt sie, ruft nach ihrer Mutter; sie ist weg. Und hat sie in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Einen ganzen Tag, während sie sich vorstellt, wie Ivar auf sie wartet, wie er langsam begreift, dass sie nicht kommen wird, wie er losfliegt, alleine, ohne sie, erinnert sich Johanne daran, wie es mit ihnen beiden eigentlich begann.

Sie kennen sich noch gar nicht so lange, sie und Ivar. Er war in der Studentenmensa beschäftigt, sie studierte Psychologie; eine Beziehung mit ihm war vom rationalen Standpunkt her nicht vorgesehen. Denn Johanne hatte einen Plan, ein striktes Regelwerk, dass den Abschluss ihres Studiums, regelmäßige Kirchgänge, sparen und als Traum das eigene Haus, mit der Mutter gemeinsam, vorsah - ein Haus, das auf dem Grundstück der Großmutter gebaut werden sollte, sobald diese tot war.

Da war kein Platz für Studentenfeste während der Woche, für Leben im Studentenheim - wieviel Geld sie dadurch sparte, bei der Mutter zu wohnen! Noch dazu, wo ihr Zusammenleben ja auch sehr gut klappte; wollte die Mutter die Wohnung für sich allein, lag ein Geldschein für Johanne bereit. Man konnte ihr alles erzählen, der Mutter, und sie hatten die Vereinbarung, dass sie ihre Zustimmung geben würde zu dem Mann, den Johanne sich einst, nach Abschluss ihres Studiums, aussuchen würde.

Und nun war da Ivar, der keine ehrgeizigen Pläne hatte, der hauptsächlich lebte - und der nicht in den Plan passte...

Man möchte sie oft schütteln, diese Johanne, die sich in ihrem Käfig, der noch nicht mal golden ist, auch noch selbst verbarrikadiert. Den Gedanken, um Hilfe zu rufen, ihr Fenster zu öffnen, doch noch aufzubrechen, ist ihr zuwider; lieber bleibt sie, wo sie ist, nimmt diesen Tag, den ihre Mutter ihr *geschenkt* hat, und sieht ihre große Chance, auch ein Leben jenseits der Pflicht, abgenabelt von der Mutter, zu beginnen, vorbeiziehen.

Es ist eine sehr seltsame Symbiose zwischen Mutter und Tochter; je länger man Johanne dabei zuhört, wie sie über die Zwänge, denen ihre Mutter ausgesetzt ist, spricht, wie sie verständnisvoll deren Arbeitspensum bewundert, ihr seltsames Verhältnis zu einem verheirateten Mann, umso mehr spürt man auch die Ohnmacht, mit der sie ununterbrochen und ängstlich versucht, alles recht zu machen; nicht umsonst ist der Mensch, der sie am besten kennt auch der, der ihre wunden Stellen blind trifft.

Unterschwellige Gewalt zeigt sich vor allem in den Bildern, die am sanftesten beginnen, Johannes Träume von Liebe, von Zärtlichkeit - die immer wieder überblendet werden von der Vorstellung, missbraucht, ans Bett gefesselt zu werden, der Angst, Kälte zu erleben, die vielleicht nicht auszuhalten ist.

Mit diesen jähen, unmotiviert scheinenden Unterbrechungen irritiert die Autorin, unterbricht sie den Lesefluss. Es sind diese verstörenden Bilder, die dem Buch ein zusätzliches Gewicht geben; so fremd mir Johanne auch sonst beim Lesen geblieben ist, so distanziert ich ihren Lebensentwurf betrachtet habe, aber diese Dualität von Liebe und Grausamkeit hallt noch nach dem Lesen lange nach.

Hanne Oerstavik

Hanne Ørstavik, 1969 in der Finnmark (Nordnorwegen) geboren, debütierte 1994 erfolgreich mit ihrem Roman "Hakk". Mit dem in Norwegen mehrfach ausgezeichneten Roman "Als ich gerade glücklich war" setzt Hanne Orstavik ihr sprachkritisches Projekt fort, in dem sie die Diskrepanz zwischen den Wörtern, die wir verwenden, und dem, "was eigentlich ist" aufzudecken versucht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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