Jamie O´Neill - Im Meer, zwei Jungen

Originaltitel: At Swim, Two Boys
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2003
703 Seiten, ISBN: 3630871399

Allen, die es noch nicht wissen, sei nochmals gesagt: die Macks sind auf dem aufsteigenden Ast. Dieser Meinung ist zumindest Mr. Mack, der in seinem Dubliner Vorort einen kleinen Krämerladen betreibt und geschäftstüchtig jede neue Möglichkeit nutzt, sein Geschäft der bessergestellten Gesellschaft bekannt zu machen.

Seinem Sohn Jim ist soviel Geschäftstüchtigkeit peinlich; schließlich hat er es auch so schon schwer genug, sich als Stipendiat an der Schule gegen die wohlhabenderen Mitschüler zu behaupten. Noch dazu, wo er in seiner sozialen Herkunft nicht den einzigen Unterschied zu ihnen fühlt. Erst als sein Jugendfreund Doyler plötzlich wieder in Dublin auftaucht, hat er jemanden, mit dem er sich verbunden fühlt.

Während Jim aber noch den ganzen Sommer über braucht, um zu verstehen, was ihn wirklich zu Doyler hinzieht, ist sich dieser über die Natur seiner sexuellen Ausrichtung längst im Klaren und weiß daraus durchaus auch Kapital zu schlagen.

Dublin 1916 - das ist aber nicht nur die Stadt, in der zwei Jugendliche jeden Morgen Schwimmen gehen und dabei ihre erste Liebe erleben. Es ist vor allem eine Stadt, in der neue Ideen Einzug halten, in der sich Gruppierungen gegen die beherrschenden Engländer manifestieren und so gegensätzliche Strömungen wie Sozialismus, Religion und Nationalismus kurzfristig vereinen.

Mr. Mack ist nicht politisch. Er will nur seinen kleinen Laden voranbringen und weiter stolz darauf sein, einmal Uniform getragen zu haben. Doch in seiner Unbedarftheit passieren ihm einige Missgeschicke, die ihn mit der Polizei in Berührung bringen und ihn wider Willen zu einem Agitator der Rebellen macht.

Auch sein Sohn Jim ist nicht politisch. Aber Doyler hat sich den Sozialisten angeschlossen, trägt stolz und trotzdem heimlich ihr Abzeichen unter dem Kragen und will unbedingt dabei sein, wenn es passiert - wenn es zum Aufstand kommt, dem berühmten Osteraufstand von Dublin.

Dass in über 700 Seiten natürlich noch viel mehr Geschichten und Schicksale enthalten sind als hier kurz skizziert, ist sicher nicht verwunderlich. Die eine Hauptrolle steht dabei Jim zu - seine erste Liebe, das Entdecken seiner Homosexualität und die Welt der Verbote und Heimlichkeiten, die ihm bevorsteht.

Mindestens genauso wichtig ist aber der geschichtliche Rahmen, den uns Jamie O´Neill hier präsentiert. Auf sehr lebendige Weise zeigt er uns einen Querschnitt durch die Gesellschaft jener Zeit: Kirche, Irischer Adel, Armut und aufstrebende Bürger wie Mr. Mack. Gerade mit dieser Figur hat der Autor dem Buch auch die nötige Leichtigkeit verliehen, um den 700-Seiten-Wälzer mit den ernsthaften Themen nicht unverdaulich werden zu lassen. Wie Mr. Mack von einer Katastrophe in die nächste schlittert und für Aktionen geachtet wird, die ihm eigentlich zutiefst peinlich sind - das liest sich schon sehr amüsant.

Für mich war das Buch auch sehr informativ. Wer in Irland warum gegen wen oder was kämpft ist mir in der ganzen Komplexität immer ein Rätsel geblieben. Ich will nicht behaupten, durch die Lektüre des Buches nun alles verstanden zu haben - bewahre! Nein, aber es hat für mich wieder ein paar Kerzen im Dunkel aufgestellt und mich außerdem dazu gebracht, mal wieder ein bisschen mehr zu diesem Thema nachzulesen.

Wie leider so oft bei sehr umfangreichen Büchern habe ich auch hier Probleme mit dem Abschluss. Da wurde erst so langsam und gründlich eine Szenerie aufgebaut, nur um dann gegen Ende sich überschlagende Ereignisse zu präsentieren. Dabei hätte es auch vorher schon die eine oder andere Stelle gegeben, die eine Kürzung ganz gut vertragen hätte. Auch die Liebesgeschichte hat gegen Ende hin nur an Kitschfaktor gewonnen, was wirklich schade ist. Daraus hätte man noch ein bisschen mehr machen können.

Aber alles in allem ein Buch, das ich wirklich sehr gerne gelesen, fast schon verschlungen habe - und entsprechend auch weiterempfehle!

Jamie O´Neill

Jamie O´Neil wurde in Dún Laoghaire, einem Vorort Dublins, geboren und wuchs auch dort auf, bevor er nach England zog. Er hat zehn Jahre lang als Nachtportier in einem Londoner Krankenhaus gearbeitet, um seinen Roman Im Meer, zwei Jungen schreiben zu können. Inzwischen lebt er wieder in Irland, in Galway.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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