Michael Ondaatje - Anils Geist

Originaltitel: Anils Ghost
Roman. Hanser Literatur Verlag 2000
332 Seiten, ISBN: 3446199179

Nach beinahe 15 Jahren Abwesenheit kehrt Anil zurück in ihre Heimat, Sri Lanka - beauftragt von einer Menschenrechtskommision. Sie soll Beweise dafür finden, dass die Übergriffe auf die Zivilbevölkerung nicht nur den Rebellen, sondern ebenso den Regierungstruppen zuzuschreiben sind.

Zur Seite steht ihr Sarath, ein Archäologe - auf welcher Seite er allerdings tatsächlich steht, bleibt Anil zumeist schleierhaft.

Sie finden in einem abgesperrten Forschungsgebiet , das nur Regierungstruppen zugänglich ist, eine Leiche, die definitiv nicht aus prähistorischen Zeiten stammt. Könnte dies das Beweisstück sein, nach dem sie so lange gesucht haben?

Auf einer abenteuerlichen Reise um Details zu erforschen, verschwimmen allerdings die Grenzen, wer schuldig ist - denn die Greuel, die hier geschildert werden, deren Zeugen sie werden, was ihnen erzählt wird - das alles klagt alle an, die sich mit Gewalt ihr Ziel erkämpfen wollen.

Anils Geist - das ist ein Buch, das erst verarbeitet werden muss. Es ist keine stringent erzählte Geschichte - es sind Episoden, einzelne Bilder, die sich allerdings mit einer Nachhaltigkeit ins Gedächtnis brennen, die man nicht leugnen kann.

Mein erstes Urteil war weniger begeistert, ich habe sehr lange gebraucht, um in diesen Roman hinein zu finden, doch nach ein paar Tagen kann ich sagen: es beschäftigt mich nach wie vor.

Sehr auffällig ist, dass Ondaatje es ganz bewusst vermeidet, die Hintergründe der Auseinandersetzungen zu schildern, zu richten. Aber wenn man die Geschichte des Mannes gelesen hat, der gekreuzigt unter seinem LKW gefunden wird, den Jungen, dem die Chance auf eine 12-stündige Operation geboten wird, obwohl soeben unzählige Bombenopfer eingeliefert werden, dann ist auch nicht mehr wichtig, wer dafür verantwortlich sein könnte.

Zwischendurch werden immer wieder Passagen aus Anils Leben in ihrer Wahlheimat eingestreut - die sich deutlich schneller erschließen, leichter zu lesen sind, und vertrauter anmuten.

Was Ondaatje als Autor auszeichnet, ist vor allem seine wunderbar poetische Sprache - eine Zartheit, die Angesichts der geschilderten Grausamkeit schon fast bizarr anmutet.

Die Verzauberung, die der englische Patient bei mir ausgelöst hat, kann Anils Geist nicht erreichen - doch ich würde es auf alle Fälle weiter empfehlen.

Michael Ondaatje

Michael Ondaatje, geboren 1943 in Sri Lanka, ist holländisch- tamilisch- singhalesischer Abstammung. Nach seiner Ausbildung in England ging er 1962 nach Kanada, wo er heute noch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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