Kenzaburo Oe - Eine persönliche Erfahrung

Originaltitel: Kojinteki na taiken
Roman. Suhrkamp Verlag 1984
240 Seiten, ISBN: 3518383426

Vorbei der Traum von Afrika. Seit langem schon war Bird um die schöne Afrika-Karte im Schaufenster der Buchhandlung herumgeschlichen - für ihn ein Symbol der Reisen, die er eines Tages unternehmen würde. Doch nun lag seine Frau mit Wehen im Krankenhaus. Wer für Frau und Kind zu sorgen hat, dem bleibt für Träume nicht mehr viel Gelegenheit. Noch dazu von dem kleinen Gehalt, dass Bird als Lehrer nur bezog.

Aus Trotz kaufte er die Landkarte trotzdem - und widerstand dafür der Versuchung, die nervöse Anspannung des Wartens mit Whiskey zu erleichtern. Und endlich kam er, der erwartete Anruf seiner Schwiegermutter - doch die erwartete Erleichterung und Freude suchte man in ihrer Stimme vergebens. Er solle kommen, so rasch als möglich, wurde ihm beschieden. Und im Krankenhaus erfuhr er dann auch den Grund dafür: Sein Kind war mit einer Missbildung zur Welt gekommen.

Ein Monster, ein Kind mit einem Wasserkopf. Kaum Überlebenschancen, und wenn, dann ist das Kind mit Sicherheit behindert, würde maximal den Bewusstseinsstatus einer Pflanze erringen. Und doch: das Kind lebt, es kann nicht einfach getötet werden. Ja, es wird auch in eine Spezialklinik verlegt, wo man es eventuell operieren kann.

Völlig verstört begleitet Bird das Baby in die Spezialklinik, führt ein Gespräch mit dem Oberarzt; und dieser eröffnet ihm eine Möglichkeit, die Bird als Chance sieht, der Falle doch noch zu entkommen. Man könne das Kind zwar nicht töten - aber man könne die nötige Nährstoffzufuhr so weit einschränken, dass es wahrscheinlich innerhalb weniger Tage sterben würde.

Kein Platz scheint Bird jetzt noch sicher - bis auf das Haus einer alten, exzentrischen Freundin, zu der er sich mit einer Flasche Whiskey bewaffnet begibt. Er erscheint betrunken vor seinen Schülern, wird entlassen, und hier, als er glaubt, gar nicht mehr tiefer sinken zu können, bietet ihm die alte Freundin an, seine Träume für ihn zu verwirklichen. Er muss sich nur nach dem Tod des Kindes von seiner Frau scheiden lassen, dann würde sie mit ihm reisen, wohin er will...

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dessen Lektüre ich mich so geekelt habe. Oe erspart dem Leser hier nichts, aber auch gar nichts: die sehr anschaulichen Schilderungen zb des Erbrechens sind auf eine Weise lebensecht, die kaum noch zu ertragen ist. Aber das sind nur die Äußerlichkeiten: womit Oe den Leser wirklich trifft und auf eine sehr schmerzliche Reise ins eigene Ich mitnimmt ist seine schonungslose Offenheit bei der Auslotung der dunklen Seiten im Menschen.

Bird ist kein schlechter, gewissenloser Mensch. Doch als er eine Bürde auf sich nehmen soll, die ihm um so vieles zu groß erscheint, nimmt er auch Ausweichmöglichkeiten an, die moralisch nicht mehr vertretbar sind. Wie der Entschluss, sein neugeborenes, wenn auch missgestaltetes Baby langsam verhungern zu lassen. Die Grausamkeit dieser Entscheidung ist ihm zwar intellektuell bewusst, aber emotional verdrängt er es.

Es ist ein Kampf zwischen moralischer Integrität und einem raschen, tödlichen Befreiungsschlag, der sich in Bird abspielt; als Leser wird man mit hineingezogen in diesen Strudel aus Emotionen und kalten Überlegungen, und die sichere Distanz des "das würde ich NIE machen" verschwindet zunehmend, weil man irgendwann nicht mehr in der Lage ist, den Protagonisten einfach nur zu verurteilen.

"Eine persönliche Erfahrung" - der Titel ist Programm. Eine unbedingte Leseempfehlung!

Kenzaburo Oe

Kenzaburo Oe, Jahrgang 1935, gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Japans. Sein Werk - Romane, Erzählungen, Essays - wurde mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet, darunter mit dem begehrten Tanizakipreis und 1994 mit dem Nobelpreis für Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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