Maria Nurowska - Briefe der Liebe

Originaltitel: Lista milosci
Roman. S. Fischer Verlag 1991
256 Seiten, ISBN: 3596125006

Nach 25 gemeinsamen Jahren wird Krystina von Andrzej mit der Nachricht "Krystina ist nicht dein richtiger Name" empfangen. Das Ende ihrer Beziehung? Denn es gab einen triftigen Grund, warum Krystina ihm damals verschwiegen hatte, dass sie, aus dem Ghetto geflohen, ihren Namen geändert hatte.

Damals hatte sie die Wahl: entweder mit ihrem Vater ins Ghetto zu bleiben, oder bei ihrer arischen Mutter weiterzuleben. Ihre Entscheidung war klar; nie hätte sie es sich verziehen, ihren Vater im Stich gelassen zu haben. Die harten Bedingungen bewirken aber trotzdem eine Entfremdung von Vater und Tochter; dass sie, um sie beide zu ernähren, ihren Körper verkauft, ist eine Tatsache, vor der er die Augen verschließt.

Nach seinem Tod gelingt ihr die Flucht; und der Zufall führt sie vor die Tür von Andrzejs Mutter, die dort mit ihrem Enkelsohn lebt. Der Vater im Krieg, die Mutter im KZ - als dann auch noch die Großmutter stirbt, bleibt Krystina mit dem kleinen Jungen alleine zurück. Eine innige Liebe entwickelt sich zwischen den Beiden, die auch durch die Rückkehr des Vaters nicht beendet ist.

Die große Liebe entwickelt sich jedoch zwischen Andrzej und Krystina. Wohlwissend, dass seine Frau noch am Leben ist, wohl wissend, dass sie ihm etwas Wesentliches verheimlicht, verfällt sie rettungslos dieser Liebe. Und all das, was sie ihrem Mann nicht erzählen kann, schreibt sie ihm. Schreibt sie ihm in langen Briefen, die sie ihm nie zu lesen gibt…

Schade. Schade, dass ich mit dem Konstrukt des Romans an mancher Stelle nicht ganz glücklich werden konnte - ansonsten hätte es von mir hier an dieser Stelle eine uneingeschränkte Empfehlung gegeben.

Mag sein, dass mir hier mein Sinn für Realismus wieder dazwischenfunkt, aber die Art und Weise, wie die Briefe geschrieben wurden, und wie sie in den Verlauf der Handlung eingebaut wurden, war mir zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Außerdem ist für mich die Frage bis zum Schluss offen geblieben, warum Andrzejs Frau denn nun im KZ war - dass sie Jüdin war, bezweifle ich aufgrund des ausgewiesenen Antisemitismus, den er immer wieder zur Schau trägt.

Was mir aber ausgesprochen gut gefallen hatte, war die persönliche Entwicklung der einzelnen Figuren. Wie die ungewöhnliche Familie es schafft, mit der Rückkehr der völlig kranken, kaputten Mutter fertig zu werden, mit ihr noch 6 Jahre in den 2 Zimmern der Wohnung zu leben, ist unglaublich berührend geschildert.

Maria Nurowska

Maria Nurowska lebt als freie Schriftstellerin in Warschau.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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