Sigrid Nunez - Für Rouenna

Originaltitel: For Rouenna
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2002
315 Seiten, ISBN: 3630871240

An eine Rouenna Zycinski kann die Autorin sich beim besten Willen nicht erinnern, als sie ihren Brief in den Händen hält. In den letzten Jahren, nach Erscheinen ihres ersten Buches, waren viele Briefe bei ihr angekommen, die sie an lange zurückliegende Bekannte, Freundschaften erinnert hatten; um ihr Buch ging es den wenigsten, sie wollten sich in Erinnerung rufen, ihre Geschichte erzählen, vielleicht darauf spekulierend, dass sie sie in ihrem nächsten Buch verwenden würde.

Rouenna war, so schreibt sie, die Nachbarin der Erzählerin in der Sozialsiedlung in Staten Island. Sie spricht keinen Wunsch aus in ihren Briefen, doch sie meldet sich immer wieder, und irgendwann weiß die Autorin: sie wird um ein Treffen nicht umhinkommen. Dabei lebt sie ohnehin gerade in einer schwierigen Lage, getrennt von dem Mann, mit dem sie jahrelang zusammengelebt hatte, in einer neuen, noch nicht wirklich in Besitz genommenen Wohnung, die Arbeit an ihrem neuen Manuskript geht kaum voran.

Auf den ersten Blick ist Rouenna nicht gerade beeindruckend. Überwältigend dick, sehr zurückhaltend und ruhig - die Vermutung, Rouenna würde den Löwenanteil an der Unterhaltung bestreiten, erfüllt sich nicht. Warum, weiß die Erzählerin selbst nicht genau - aber sie treffen sich wieder, und langsam erfährt sie die Geschichte dieser Frau.

Rouenna war als Kriegskrankenschwester in Vietnam - ein Jahr, das sie als das glücklichste und intensivste ihres Lebens bezeichnet. Wie kann man ein Leben in permanentem Schrecken, mit den Gräueln zerfetzter Körper, Schmerzen, Schreien - wie kann so ein Leben glücklich sein?

In kleinen Geschichten erzählt sie davon, wie sie diese Zeit erlebt hat; wie es war, ausnahmsweise gebraucht zu werden, für attraktiv gehalten zu werden, ein bisschen Dankbarkeit zu erleben - und zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben echte Frauenfreundschaft kennen zu lernen.

Rouenna hatte gewünscht, dass ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben sollte - ein Ansinnen, dass von der Erzählerin abgelehnt worden war. Nach ihrem Tod, ihrem Selbstmord, ist es mehr als das schlechte Gewissen, das sie antreibt, die Geschichte nun doch in Romanform zu fassen. Es ist ein letzter Tribut an eine Freundschaft, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte.

Ob das Buch wirklich, wie die Erzählform nahelegt, einen stark biographischen Hintergrund hat, kann ich leider nicht beurteilen - aber alleine schon, dass man überhaupt darüber nachdenkt, zeigt, wie authentisch der Text auf mich als Leser gewirkt hat.

Wenn von Krieg die Rede ist, von Vietnam und den Traumen, die die Veteranen erlitten hatten, dann ist fast ausschließlich von Männern die Rede, von den Soldaten, die dort gekämpft hatten. Hier wird die Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt: von einer Frau, einer Krankenschwester, die auf ganz andere Weise in das Geschehen verwickelt war.

Eigentlich wollte Rouenna durch ihren Militärdienst hauptsächlich ihrem öden Leben zu Hause entkommen, sah sie es als Chance an, sich abzunabeln. Was die Rekrutierungsfilme zeigten hatte allerdings nichts mit der Realität zu tun, mit den schnellen Entscheidungen, die über Leben und Tod entschieden, mit dem unglaublichen Gestank, den ein verkohlter Mensch verbreitet - die Szenen aus dem Film *Der englische Patient* befremdeten Rouenna auch entsprechend - das wird erzählt, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, sachlich, aber nicht unbeteiligt. Es waren Voraussetzungen, mit denen man eben fertig werden musste.

Dass im Laufe der Zeit dann trotz der Kameradie, der Drogen, des andauernden Verliebt-Seins und des Sex das Missbehagen gegen den Krieg wächst, gegen die sinnlose Gewalt, das ist in diesem Buch sehr behutsam geschildert. Hier wird nicht gerichtet, nicht verherrlicht - es wird nur ein kleines Stück Geschichte erzählt, das den Blickwinkel des Lesers wieder ein wenig zu erweitern vermag.

Sigrid Nunez

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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