Amelie Nothomb - Quecksilber

Originaltitel: Mercure
Roman. Diogenes 2001
160 Seiten, ISBN: 3257062885

Dieser Mann muss etwas zu verbergen haben, das ist Francoise klar, sobald sie nur hört, dass sie am Nachmittag auf die Insel soll, um ihn als Krankenschwester zu betreuen. Keine Brille, das war eine Bedingung - und strenge Kontrollen, jedes Blatt Papier wird kontrolliert.

Aber es ist gar nicht der alte Kapitän, den sie pflegen soll. Er hat eine junge Frau auf der Insel versteckt, die immer leicht fiebert. Wirklich krank ist sie nicht, aber instinktiv gibt Francoise immer wieder an, dass sie noch Fieber hätte. Das junge Mädchen war vor fünf Jahren vom Kapitän nach einem Bombenangriff gerettet worden. Ein Angriff, der sie furchtbar entstellt hätte, wie er Hazel glaubhaft versichert. Hazel leidet unter ihrer Hässlichkeit, ist dem Alten aber auch dankbar: wie kann er sie nur trotzdem lieben? Und ihr alles ersparen, was einen Blick auf sich selber bedeuten würde? Keine Spiegel gibt es in diesem Haus, keine blanken Flächen, keine Töpfe, keine Fensterscheiben, und ins Badewasser wird sofort ein trübender Zusatz gegossen.

Und zu allem Überfluss werden auch ihre Gespräche belauscht. Keine Möglichkeit gibt es für Francoise, ihrem Pflegling mit der Wahrheit den Weg aus dem Gefängnis zu zeigen - oder doch? Sie riskiert viel - und ihr Plan fliegt vorzeitig auf...

So ganz weiß ich noch immer nicht, was ich von dieser Erzählung halten soll. Es hat etwas sehr märchenhaftes, darin liegt auch der Reiz - um dann wieder in ziemlich abgenutzte Symbolik abzurutschen. Ein bisschen "Phantom der Oper" ist darin, nur dadurch zusätzlich verschärft, dass Hazel sich selbst für das hässliche Wesen hält.

Wie man so eine Geschichte enden lassen kann, darüber war sich die Autorin selbst nicht schlüssig, deshalb bietet sie uns gleich zwei Varianten an (von denen ich im übrigen keine wirklich befriedigend fand, aber der ersten doch deutlich den Vorzug geben würde).

Ein kurzes Büchlein, das zwar zwischendurch ganz nett zu lesen war, aber keine weiteren Eindrücke bei mir hinterlassen wird. Schade eigentlich, denn eines kann man der Autorin nicht absprechen: ihr Erzähltalent.

Amelie Nothomb

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe geboren, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China verbracht. Nach Abschluss ihres Philologiestudiums hat sie beschlossen, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt in Brüssel und Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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