Cees Nooteboom - Allerseelen

Originaltitel: Allerzielen
Roman. Suhrkamp Verlag 1999
436 Seiten, ISBN: 3518410504

Berlin, eine Stadt im Umbruch. Der Dokumentarfilmer Arthur Daane, der die Stadt noch in ihrem geteilten Status erlebt und gefilmt hatte, nutzt die Pausen zwischen seinen Aufträgen, um Material für sein ewiges Projekt, einen Film über verlorene Momente, über Schritte, die nirgendwohin führen, den Dämmerzustand zwischen Nacht und Tag, zu filmen.

Arthur, der Niederländer, der sich abwechselnd in Amsterdam, Madrid und Berlin aufhält, hat seine Frau und seinen Sohn bei einem Flugzeugunglück verloren. Das ist zwar schon 10 Jahre her - doch ihre Schatten begleiten ihn immer noch.

Hier in Berlin hat er neue Freunde gefunden - Philosophen, Bildhauer, Metaphysiker. Oft, wenn sie sich in einem ihrer Stammlokale treffen, debattieren sie über die Geschichte der Gegenwart, in Verbindung mit dem jeweiligen Herkunftsland, über die Bedeutung von Geschichtsschreibung an sich, was überdauern kann.

Zufällig trifft Arthur auf eine junge Frau mit deiner auffälligen Narbe im Gesicht - und er, der sich beim ersten Blick Gedanken über sie gemacht hatte, ihre Herkunft, die Ruppigkeit und Aggressionen, die sie ausstrahlt begegnet ihr wieder, nochmals zufällig. Elik, ihren Namen erfährt er erst später, arbeitet an der Geschichte einer spanischen Königin im Mittelalter - unbekannt, und doch eine der wenigen Frauen dieser Zeit, die tatsächlich Macht innehatten.

Elik dringt auf rätselhafte Weise in sein Leben ein -und ist doch für ihn nicht zu fassen. Und so folgt er ihr, sucht sie, erst in Berlin, dann in den Niederlanden bis nach Spanien...

Immer wieder wird man in diesem Buch gefangengenommen von Gedankengängen, Bildern, Sequenzen, die auf wunderbare Weise schön und traurig zugleich sind.

Doch ganz davon abgesehen, dass diese Momente gegen Ende des Romans immer seltener werden - es reicht auch nicht aus, um über 400 Seiten das Interesse des Lesers wach zu halten.

Manchmal will dieses Buch einfach zu viel gleichzeitig: Berlin, die letzten Jahre nach der Wende, die Wunden, die die 40jährige Trennung hinterlassen hat aufzeigen - und dabei auch noch das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen jüngeren Vergangenheit erzählen, aufzeigen, ihre Beziehung zu den Niederlanden.

Dabei sind diese Gedankengänge, Überlegungen, oft einfühlsam beobachtet, in einer sachten Form dargestellt - solange sie in Arthurs Kopf stattfinden. Im Gespräch mit seinen Berliner Freunden nervt es, wenn auch noch die kleinste Begebenheit Anlass zu tiefschürfenden Überlegungen bietet.

Besonders gelungen empfand ich sein inneres Zwiegespräch mit seiner besten Freundin Erna - die nur einmal persönlich auftaucht, deren Meinungen und Urteile aber in ihm starken Wiederhall finden. Das Bild dieser Frau stellt sich mir außerordentlich lebendig dar - vor allem im Gegensatz zu den Berliner Freunden.

Aber die Beziehung zu Elik - eine sehr eigenartige Beziehung, in deren Verlauf ich Arthurs Interesse an der Welt draußen zunehmend verringert - hat mich überhaupt nicht angesprochen.

Hier liegt für mich ein großes Manko in diesem Buch - diese Geschichte passt einfach nicht. Im großen und Ganzen: schöne einzelne Fragmente, aber trotzdem fehlt mir das gewisse Etwas, das ein richtig gutes Buch ausmacht.

Cees Nooteboom

Cees Nooteboom, geboren 1933 in Den Haag, lebt in Amsterdam und auf Menorca.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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