Stewart O´Nan - Der Sommer der Züge

Originaltitel: A World Away
Roman. Rowohlt Verlag 1998
476 Seiten, ISBN: 3499227789

Krieg heißt in den USA auch Verdunkelung, Benzinrationierung - und Söhne, Ehemänner, Brüder, die an der Front sind. Auf deren Nachrichten man ungeduldig wartet, während man versucht, das Ausbleiben rational zu begründen, sich nicht zu beunruhigen.

In diesem Sommer muss auch Rennie an die Front. Seine Eltern warten bei James Vater auf Nachrichten von ihm; Grandpa Langer weiß selbst, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hat, dass James und seine Familie gekommen sind, ihm in der letzten Zeit beizustehen, ihn zu pflegen.

Eigentlich eine Aufgabe, die üblicherweise an Anne hängen bleiben würde; Anne, die ohnehin schon mit schwerer Niedergeschlagenheit zu kämpfen hat, die ihrem Mann die Affäre, die heftige Leidenschaft, die er für eine junge Schülerin empfunden hatte, nicht verzeihen kann. Als sie die Möglichkeit erhält, wieder als Krankenschwester zu arbeiten, nutzt sie diese Chance, wieder eine Aufgabe zu haben, etwas Eigenes, Anerkennung. Und plötzlich hält auch die Liebe wieder Einzug in ihr Leben. Nun ist sie diejenige, die sich abends wegdreht, die Ausreden für Wochenendausflüge erfindet - und James hat das Gefühl, machtlos zu sein, keine moralische Berechtigung zu haben, dieses Verhältnis zu beenden.

Und während nun er stumm leidet, warten sie beide auf die Briefe, die schon lange überfällig sind - bis plötzlich das gefürchtete Telegramm eintrifft....

Stewart O´Nan versteht es meisterhaft, Stimmungen wiederzugeben. Dieser Sommer außerhalb der Zeit auf Long Island - man verbringt ihn mit der Familie Langer, mit ihren Ängsten, Sorgen, Lieben.

Gerade die schwierige Balance in der Beziehung von James und Anne kann man hautnah miterleben, die Spannungen sind geradezu greifbar. Es sind die kleinen Beobachtungen, das, was ungesagt bleibt, was diesen Roman so großartig macht.

Meisterhafter Umgang mit Sprache und das Fehlen von Erklärungen - es ist kein Buch, das man schnell zwischendurch lesen kann. Aber wer sich die Zeit nimmt, in dieses träge, laszive Warten einzusteigen, wird mit einem außerordentlichen Roman belohnt.

Stewart O´Nan

Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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