Stewart O´Nan - Engel im Schnee

Originaltitel: Snow Angel
Roman. Rowohlt Verlag 1994
251 Seiten, ISBN: 3499223635

Alle hatten sie es gehört, diesen Schuss, der die Probe der Schulkapelle jäh beendete; dass Annie Marchand von ihrem Exmann erschossen worden war, wussten sie bald alle.

Doch das war nur das Ende dieses seltsamen Winters, in dem Arthurs Eltern sich trennten, sie in eine kleine Wohnung in schlechter Lage ziehen mussten, und Arthur sich plötzlich in der Rolle des Trösters seiner Mutter wiederfand, obwohl er doch selbst gerade genügend Probleme zu bekämpfen hatte.

Nicht nur die Trennung der Eltern machte ihm zu schaffen; er war es auch, der früher in diesem Winter Annie Marchands kleine Tochter Tara tot im Wald gefunden hatte...

So groß die Dramen auch sind, die Stewart O´Nan in diesem Roman beschreibt, immerhin gibt es zwei Tote - es ist doch ein sehr stilles Buch, das sich nicht auf das große Beben, sondern die Erschütterungen konzentriert, die dem ganzen vorausgingen oder folgten.

Der Autor hat ein Gespür für diese lähmende Stimmung einer amerikanischen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, wo keine Verabredung unbemerkt bleibt, und doch keiner einschreitet, als die Dinge zu eskalieren anfangen.

Das Drama um Annie und ihre Tochter, die junge Mutter, die aus Verzweiflung ihr Kind oft misshandelt und es doch so verzweifelt liebt, geht beim Lesen auf sehr nachhaltige Weise unter die Haut.

Es ist kein Roman, der sofortige, ungebändigte Begeisterung hervorruft. Es gibt kaum Szenen, die sich auf Anhieb so nachhaltig einprägen, das man davon erzählen möchte. Die Distanz, die der Autor wahrt, macht es anfangs schwer, als Leser gefühlsmäßig involviert zu werden. Aber diese Distanz ist auch der Grund für das kleine Geheimnis, das immer noch gewahrt wird; man sieht nicht in die Köpfe der Protagonisten, rätselt also mit ihnen um die wahren Ursachen des Dramas.

Es sind zwei Geschichten, die parallel erzählt werden; Arthurs Drama, obwohl viel banaler als der Mord, berührt in seiner lakonischen Darstellung mindestens ebensosehr.

Stewart O´Nan hat einen Stil, bei dem man sich entweder langweilt - oder den Autor ins Herz schließt. Ich gehöre zur letzten Fraktion; wer ein Faible für leise, subtile Alltagsgeschichten, dem kann ich dieses Buch nur ans Herz legen.

Stewart O´Nan

Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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