V.S. Naipaul - An der Biegung des großen Flusses

Originaltitel: A Bend in the River
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1979
358 Seiten, ISBN: 3423123834

Als Salim Nazruddin das Geschäft in der Stadt an der Biegung des großen Flusses abkauft, ist ihm bewusst, dass er damit völlig von vorne wird anfangen müssen; das Land im Inneren hatte nach der Unabhängigkeit viele Probleme, die Wirtschaft lag fast völlig brach. Aber es war auch nicht wirklich die wirtschaftliche Herausforderung, die ihn dazu bewogen hatte, seine Familie an der Ostküste zu verlassen und in diese Stadt zu ziehen. Seit Jahrhunderten lebte seine Familie nun schon an der Ostküste Afrikas; dennoch immer noch der Meinung, Inder zu sein, keine Afrikaner, und in der sicheren Gewissheit, zur führenden Klasse zu gehören. Daraus, aus den Familientraditionen, aus den mangelhaften Überlieferungen wollte Salim ausbrechen.

Ein Fremder bleibt er auch in seiner neuen Heimatstadt; wie Nazruddin ihm schon prophezeit hatte, war von dem Leben, das hier bisher geherrscht hatte, keine Spur mehr zu finden. Nichts war mehr zu sehen vom Glanz europäischer Restaurants, von gesellschaftlichem Leben; was Salim hier vor allem kennenlernte, war die Einsamkeit.

Doch der Zeitpunkt seines Weggangs war gut gewählt; kurz darauf brachen an der Ostküste Unruhen aus, die Familie zerstreut sich; die Haussklaven werden aufgeteilt. Und einer davon, das erfährt er aus einem Brief, ist auch zu ihm unterwegs. So, wie hier das Verhältnis zwischen Sklaven und Herren geschildert wird, habe ich es bislang noch nie erfahren; die Darstellung des aufdringlichen Haussklaven, der wie ein Kind erwartet, versorgt zu werden, war für mich einer der Glanzpunkte dieses Romans. So wie auch die Entwicklung Mettys, so wird er genannt, vom "einfachen" Sklaven zum selbstverantwortlichen Familienvater zu den mit Spannung verfolgten Persönlichkeitswandlungen zählt.

Mit dem Aufstieg des großen Mannes ändert sich auch die wirtschaftliche Lage im Land; plötzlich gibt es wieder Nachfrage, es wird gebaut, Schulen werden gebaut, Ausländer kommen und ziehen in die eigens errichtete Domäne; aber ändert das etwas an Salims Leben? Nur geringfügig. Natürlich profitiert er vom Aufschwung, doch nur materiell. Eine Erweiterung des Kreises, mit dem er sich intellektuell austauschen könnte, findet nicht statt.

Bis ein alter Freund auftaucht - Indar, der damals, als Salim ins Landesinnere aufbrach, den großen Schritt nach Europa gewagt hatte und nun in der Domäne der Ausländer wohnte. Durch ihn öffnet sich für ihn eine neue Welt; die so fern erscheinende Politik erhält Einzug in sein Denken, und auch die Leidenschaft. Denn bei Indars Abreise gewinnt Salim das Herz und vor allem den Körper Yvettes für sich. Fremd war ihm bislang, was jenseits der körperlichen Befriedigung geschah; mit Yvette an seiner Seite gelingt es ihm auch nicht mehr länger, ein Unbeteiligter im eigenen Leben zu sein. Doch Yvette ist vor allem eines: Ehefrau. Wie sich der einst so vielversprechende Aufstieg des großen Mannes zur launenhaften Diktatur entwickelt, merkt man vor allem am Status ihres Ehemannes; wurde er, der den großen Mann persönlich kannte, früher stets um Rat gefragt, um Erläuterung jüngster Ereignisse, scheut man mittlerweile, überhaupt das Wort an ihn zu richten.

Nazruddin hatte Salim gewarnt - ein guter Kaufmann wisse, wann es Zeit wäre, mit Gewinn zu verkaufen. Doch Salim ist kein guter Kaufmann...

Eines hat die Lektüre des Romans auf jeden Fall bewirkt: sie hat mein Geschichtswissen wesentlich erweitert. Nicht, weil das Buch an sich so viele historische Details mitliefert, eher im Gegenteil; nur aus Andeutungen kann man überhaupt erfahren, von welcher Stadt, von welchem großen Mann Naipaul hier schreibt.

Aber was er hervorragend eingefangen hat, sind die Begleiterscheinungen, die jenseits politischer Änderungen den Alltag prägen; die Gespräche auf der Straße, das Kaufverhalten, der Zustand der Straßen und Gebäude, all das vermag stärker als jedes historische Detail die Stimmung einer Zeit wiederzugeben.

Trotzdem blieb mein Interesse am Romanstoff bis zuletzt sehr kopflastig; keiner der Protagonisten kam mir in irgendeiner Form nahe, an keinem entzündete sich das vertraute Verhältnis, das man so häufig und gerne zu den Romanfiguren entwickelt, deren Geschichte den Leser in Atem hält.

V.S. Naipaul

Vidiadhar Suraiprasad Naipaul wurde am 17. August 1932 in in Chaguanas in der Nähe von Port of Spain auf Trinidad geboren und lebt sei 1950 in Großbritannien. . An der renommierten Oxford University studierte er englische Literatur. Seine Reisen führten ihn in die indische Heimat seiner Eltern, nach Afrika, Südamerika, auf die Antillen und in den Orient. V.S. Naipaul hat eine Vielzahl von Literatur-Preisen erhalten, u.a. den Bookerpreis 1971 und T.S. Eliot Award for Creative Writing 1986. Er ist Ehrendoktor des St. Andrew's College und der Columbia University sowie der Universitäten in Cambridge, London und Oxford. Im Jahre 1990 wurde er von Königin Elizabeth geadelt. 2001 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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