Sten Nadolny - Die Entdeckung der Langsamkeit

Originaltitel: Die Entdeckung der Langsamkeit
Roman. Piper Verlag 1983
385 Seiten, ISBN: 3492207006

Keiner beherrschte es so gut wie er, die Schnur für das Ballspiel der anderen reglos zu halten. Bis zum Ende des Spiels konnte er das - doch das war auch die einzige Möglichkeit für ihn, an diesem Spiel teilzunehmen.

Alles andere hätte viel zu rasche Reaktionen von ihm erfordert. Und eines war John Franklin mit Gewissheit nicht: schnell.

Sein Tempo war anders als das seiner gesamten Umgebung: Langsamkeit bis zum Anschein des völligen Stillstands.

Doch trotz dieser Einschränkung schafft er es, dass er zur Schule gehen darf, dass er auf einem Schiff aufgenommen wird, um dort als Matrose anzuheuern. Das Schiff wird von seinem Onkel kommandiert - und es geht auf eine weite Reise, nach terra australis.

John Franklin lernt, mit seiner Langsamkeit zu leben. Die eigene Geschwindigkeit kann er nicht steigern - doch er kann Situationen und Gespräche vorab trainieren, so dass sein Gegenüber nicht ganz so ungeduldig wird. Dennoch: der Beginn ist schwer. Er braucht eine Weile, bis dann wahrgenommen wird: John Franklin ist zwar langsam - aber stetig. Und mit einem ungeheuren Gedächtnis gesegnet.

Wer hätte erwartet, dass das Kind, das einst als zurückgeblieben galt, eines Tages ein eigenes Schiff kommandieren würde - auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage?

Dieses Buch hier zählt zweifellos zu meinen Lieblingsbüchern. Warum? Es erhebt einen Mangel zum Gesetz, zeigt den Triumpf des Willens über die Schwäche.

Voller Spannung und Zuneigung verfolgt man, wie John Franklin im Schlaf jede Niete des Schiffes auswendig lernt, um im Notfall trotz seines Mankos schnell reagieren zu können.

Auch in der Sprache spiegelt sich die Wahrnehmung des Protagonisten wieder: So wie dieser langsam wahrnimmt, sein Blickfeld oft auf eine winzige Begebenheit einschränkt, so erzählt auch das Buch zur Illustration nur eine einzige kleine Geschichte, in all den Details, wie John sie vielleicht hätte wahrnehmen können. Auch die Zeit, als John durch Training, Erfahrung etc. schneller wird, findet man im Sprachrhythmus wieder.

Ich habe dieses Buch bereits mehrmals gelesen und werde dies auch bestimmt wieder tun - und ich wünsche ihm noch viele weitere Leser!

John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geegnet wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend.

- Es gibt für alles zwei Zeitpunkte, den richtigen und den verpassten.

- Untereinander sprachen die Australischen erst wenig, dann immer mehr, und schließlich begannen einige zu lachen. Bald taten das alle bis auf einen, sie redeten und lachten. Matthew meinte, sie hätten nun doch Vertrauen gefasst. Mr. Thistle vermutetete, das jetzige sei ihr normales Verhalten, es sei durch das Erscheinen der Weißen nur kurz dem ängstlichen Staunen gewichen. Sherard sagte: "Sie lachen, weil wir Kleider anhaben." John sah am längsten hin, bevor er etwas sagte. Seine Antwort kam, als alle die Frage für erledigt hielten, und wie gewöhnlich so schleppend, dass nur noch Matthew und Sherard zuhörten. "Sie wissen jetzt, dass wir ihre Sprache nicht verstehen. Darum reden sie
absichtlich Unsinn und lachen darüber."

- Riffe konnte er rechtzeitig sehen und hören, denn er tat oder dacahte nie zweierlei zur gleichen Zeit.

- Jeder Bericht hatte eine äußere Seite, die logisch zusammenhing und leicht zu begreifen war, und eine innere, die nur im Kopf des Sprechenden aufschien. Zu unterdrücken war diese innere nicht, das hätte nur lästiges Stottern und allerlei Fehler im Ausdruck verursacht. John musste ihr also Zeit einräumen, ohne sie nach außen zu wenden. Noch vor wenigen Monaten hatte er dazu geneigt, den inneren Bildern zuliebe das letzte Wort so lange zu wiederholen, bis er weitererzählen konnte.

- Die Ehre verpflichtete jeden, das zu tun, wofür er schon gelobt worden war. Ehre war eine Art nachzuliefernder Beweis.

- Was Franklin dazu zu sagen hatte, war durch Schweigen hinreichend ausgedrückt. Über die Unsinnigkeit einer Schlacht reden hieß dem Krieg selbst Sinn beimessen.

- John ahnte, dass er sich, einfach aus Pflicht zur Gleichheit, eines Tages selbst für austauschbar halten würde. Von der Kriegsmarine her wußte er aber ganz genau, wie es war, wenn Eigenes unwichtig wurde. Es blieb dann nur der Ausweg in die Schnelligkeit. "Besser" war einer dann nur noch, wenn er das Gleiche schneller tat. Und diese Möglichkeit hatte er nicht


Sten Nadolny

Sten Nadolny wurde am 29. Juli 1942 in Zedenick an der Havel geboren und wuchs in Oberbayern auf. Studium der Geschichte in Göttingen, Tübingen und Berlin. Promotion, danach Tätigkeit als Geschichtslehrer und Aufnahmeleiter beim Film. 1990 Gastdozent für Poetik der Gegenwartsliteratur an der Universität München. Sten Nadolny lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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