Sten Nadolny - Selim oder Die Gabe der Rede

Originaltitel: Selim oder Die Gabe der Rede
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1990
407 Seiten, ISBN: 342311892X

Nur durch Zufall treffen die einzelnen Figuren aufeinander - Alexander, der bei der Bundeswehr ist und versucht, hinter das Geheimnis der Rede zu kommen, trifft bei einer seiner Fahrten auf Selim und Mesut, die gerade von der Türkei nach Deutschland gebracht werden - zu Beginn der Gastarbeiterwelle. Die beiden Türken gehen unterschiedlich an die neue, fremde Sprache heran: Mesut, vom Typ her mißmutig, lernt systematisch, während Selim, der ständig den Mund offen hat, vorerst die Grenzen der Sprache gar nicht lernen will. Als Mesut und er nicht mehr zusammen leben, lernt er sie dann ganz plötzlich.

Erzählt wird von den Arbeitsbedingungen in der Werft, auf einem Schiffskutter; Selim beginnt dann, auf Wanderschaft zu gehen, kommt nach Bayern - man merkt seiner Sprache immer an, wann er welche Wörter gelernt hat. Schließlich kommt er nach Berlin, wo er durch Zufall auf Alexander trifft, der sich mit Mesut angefreundet hat.

Selim versucht verschiedene Geschäfte, verschiedene Frauen - Alexander ist mit Gisela zusammen, die sich von ihm trennt - um Jahre später wieder in seinem Leben aufzutauchen.

Selim wird verurteilt und in die Türkei abgeschoben, weil er beim Versuch, die Tochter einer Freundin von ihrem Zuhälter zu befreien, in Notwehr einen Menschen tötet.

Alexander besucht ihn in der Türkei - und scheidet im Streit von ihm. Aber noch Jahre später beschäftigt ihn der alte Freund - doch als er versucht, ihn wiederzufinden, erfährt er, daß Selim damals gestorben ist, weil er ihm nachgefahren ist, um sich mit ihm zu versöhnen.... Ein sehr, sehr schönes Buch - gut geschrieben, sehr einfühlsam erzählt - und vor allem öffnet es den Blick für die Situation von Menschen, die neu in ein "gelobtes Land" kommen, ohne die Sprache zu sprechen, die sich unheimlich viel davon erwarten - und wie sie dann mit den Erwartungen fertig werden.

Die Figuren sind mir sehr ans Herz gewachsen, schade, daß es zu Ende gelesen ist!

Sten Nadolny

Sten Nadolny wurde am 29. Juli 1942 in Zedenick an der Havel geboren und wuchs in Oberbayern auf. Studium der Geschichte in Göttingen, Tübingen und Berlin. Promotion, danach Tätigkeit als Geschichtslehrer und Aufnahmeleiter beim Film. 1990 Gastdozent für Poetik der Gegenwartsliteratur an der Universität München. Sten Nadolny lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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