Iris Murdoch - Die Flucht vor dem Zauberer

Originaltitel: Flight from the Enchanter
Roman. Deuticke 1956
397 Seiten, ISBN: 3216305139

London in den frühen 50er Jahren; Annette, die von ihren Diplomaten-Eltern bei alten Freunden untergebracht wurde, beschließt, fortan nicht mehr von der Schule, sondern vom Leben zu lernen; Rosa, die als gebildete, wohlhabende Frau ganz andere berufliche Möglichkeiten gehabt hätte, arbeitet als überzeugte Kommunistin in der Fabrik - und lässt sich auf ein schwieriges, seltsames Verhältnis mit zwei Brüdern aus Osteuropa ein.

Dann gibt es noch einen alten Verehrer Rosas, ihren Bruder, der die feministische Frauenzeitschrift herausgibt, deren Mitbegründer ihre Mutter war, ihrer aller Schneiderin - und vor allem gibt es da noch Mischa Fox. Mischa, von dem keiner wirklich sagen kann, wie alt er ist, und der auf sie alle eine ganz seltsame Faszination ausübt.

Vor Jahren war Rosa mit ihm verlobt - und sie hat es geschafft, sich von ihm zu lösen, was auch sie selbst immer noch mit Unglauben erfüllt. Doch zu viele Verletzungen hatte es gegeben - und nun ist er wieder in London, und umkreist sie. Er will die Zeitung kaufen, er lässt sie beschatten, weiß als einziger von ihrem Verhältnis mit den Brüdern; und auf einer aus dem Ruder laufenden Feier zieht er sie wieder in seinen Bann ...

In Literaturkritiken zu diesem Buch habe ich gelesen, dass es sich bei Mischa Fox um Elias Canetti handeln soll, mit dem Iris Murdoch wohl eine leidenschaftliche Affäre hatte. Mangels genauer Kenntnisse kann ich diese Aussage nur staunend wiederholen - und für mich daraus entnehmen, warum ich diesem bei Erscheinen so hochgelobten Roman nur relativ wenig abgewinnen konnte. Ich hab ihn schlichtweg nicht verstanden.

Es verbarg sich sicherlich wesentlich mehr zwischen den Zeilen, als ich daraus entnehmen konnte - aber die ganzen Andeutungen und Parallelen waren an mich verschwendet, und ich fürchte, dass es auch anderen Lesern, deren Kenntnis dieser speziellen Epoche in der Londoner Künstlerszene ebenso wenig geläufig ist wie mir, könnte es ähnlich ergehen.

Was bleibt also, wenn man nur das liest, was hier steht? Für mich war die zweifellos interessanteste Person Rosa. Rosa, die nach dem Ausprobieren diverser anderer Berufe aus Überzeugung in die Fabrik geht - und nun an einem Punkt angelangt ist, da sie ihre Entscheidung in Frage zu stellen beginnt. Und die auch merkt, dass sich das Kräfteverhältnis in der Beziehung zu den beiden osteuropäischen Brüdern gewandelt hat; waren sie es früher, die ängstlich darauf bedacht waren, sie zu umgarnen, ist nun sie es, die furchtsam darauf achtet, sie nicht zu erzürnen.

Auch die Schneiderin, anfangs scheinbar eine Kulissenfigur, entpuppt sich als sehr interessant; sie verdankt Mischa ihr berufliches Fortkommen - für den Preis, jederzeit alles für ihn stehen und liegen zu lassen. Ja, sie liebt ihn - aber es quält sie auch, und sie weiß, wenn sie von ihm fort will, dann muss sie einen radikalen Schritt unternehmen.

Ja, der Roman spricht durchaus auch ohne die Kenntnisse dessen an, worauf er anspielt, aber der schale Nachgeschmack bleibt, einen Blick auf ein Treffen eines elitären Zirkels geworfen zu haben - und zu wissen, man bleibt außen vor.

Iris Murdoch

Iris Murdoch wurde 1919 als Tochter anglo-irischer Eltern in Dublin geboren, studierte klassische Philologie in Oxford und Philosophie in Cambridge. Im 2. Weltkrieg arbeitete sie für die Flüchtlingshilfe der UN. Sie starb im Februar 99, nachdem sie in den Jahren davor an Alzheimer erkrankt war.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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