Iris Murdoch - Henry und Cato

Originaltitel: Henry and Cato
Roman. Deuticke 1976
494 Seiten, ISBN: 321630325X

Nach langjähriger Abwesenheit von zu Hause, von England, kehrt Henry an den Ort seiner Kindheit zurück. Nur vorübergehend, wie er selbst glaubt – sein Bruder, den er immer als großen Konkurrenten und Widersacher angesehen hatte, ist vor kurzem bei einem Unfall ums Leben gekommen und hatte ihm, Henry, alles vermacht.

Henry war nach seiner Ausbildung so rasch es ging nach Amerika gegangen, um dort an einem kleinen College zu unterrichten. Richtig heimisch war er auch dort nicht geworden, aber er lebte mit einem Pärchen in einer alle zufriedenstellenden Menage a trois.

Kaum in England gelandet und auf dem heimatlichen Landsitz eingetroffen, stürmen die Geister der Vergangenheit auf Henry ein. Da ist Gerda, seine Mutter – die ihn immer nur als zweite Wahl, nach seinem Bruder angesehen hatte, und nun kläglich versuchte, ihr altes Leben weiterzuführen.

Doch genau das widerstrebt Henry. Er will nur alles verkaufen, um so rasch als möglich wieder zurück nach Amerika zu gehen – ein Prozess, der sich schwieriger gestaltet als erwartet.

Aus diesem Grund sucht er auch seinen alten Freund Cato auf – er, als Priester müsste doch prädestiniert sein, ihm bei der
Entscheidungsfindung zu helfen. Doch Cato, der sein Priesteramt gegen den massiven Widerstand seines Vaters angetreten hatte, kämpft mit eigenen Problemen: er hat sich Hals über Kopf in Joe verliebt – einem jugendlichen Kleinkriminellen. Er kämpft zwar, dieser Versuchung zu widersagen; doch Joe schafft es immer wieder, ihn glauben zu lassen, er würde ohne Catos Hilfe sofort im Sumpf der Kriminalität versinken.

Während Henry damit beschäftigt ist, den Nachlass seines Bruders zu ordnen – und dabei überraschenderweise auf eine geheime Wohnung samt dazugehöriger Geliebter stößt – beschließt Cato, sein Priesteramt zurückzulegen, um mit Joe irgendwo einen Neuanfang zu wagen. Henry hatte versprochen, für die nötige finanzielle Unterstützung zu sorgen – ein Umstand, der Joe sehr hellhörig macht.

Ein seltsamer Kreislauf zeichnet sich ab: Catos Schwester ist in Henry verliebt, macht ihm Avancen – der wiederum interessiert sich jedoch für die Geliebte seines Bruders. Während Cato von Joe besessen ist, drängt dieser auf eine Verabredung mit dessen Schwester.

Und dann erhält Henry plötzlich einen Brief – Cato wurde entführt. Und er soll das Lösegeld bezahlen...

Iris Murdoch verdient meines Erachtens eine viel stärkere Beachtung, als sie bislang erfährt. Ihre Romane zeichnen sich durch psychologisch sehr vielschichtig dargestellte Protagonisten aus – deren Kampf mit der Umwelt und sich selbst sie mit großer Einfühlsamkeit beschreibt.

Besonders gut gefallen hat mir die Figur der Geliebten von Henrys Bruder - die sich selbst als ehemalige Prostituierte beschreibt, davon spricht, dass sie als nicht-standesgemäß nicht mit einer Heirat rechnen durfte; und die mit ihren Geschichten zwar nicht als Henrys Ehefrau endet, wie sie sich erhofft hatte, aber dennoch zu den großen Gewinnern in dieser Geschichte gezählt werden kann.

Kluge Beobachtungen, eine klare, wohlgesetzte Sprache runden das Bild ab – Henry und Cato ist ein sehr empfehlenswerter Roman für alle, die gutgeschriebene, umfangreiche Romane schätzen.

Iris Murdoch

Iris Murdoch wurde 1919 als Tochter anglo-irischer Eltern in Dublin geboren, studierte klassische Philologie in Oxford und Philosophie in Cambridge. Im 2. Weltkrieg arbeitete sie für die Flüchtlingshilfe der UN. Sie starb im Februar 99, nachdem sie in den Jahren davor an Alzheimer erkrankt war.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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