Iris Murdoch - Der Schwarze Prinz

Originaltitel: The Black Prince
Roman. Piper Verlag 1973
528 Seiten, ISBN: 3492229581

Bradley Pearson, der 58-jährige Finanzbeamte, ist in Frühpension gegangen, um endlich sein großes Werk, sein Buch zu schreiben. Bislang hatte er zwar auch schon 3 Bücher veröffentlicht, sieht sich selbst auch als Schriftsteller; aber sein ganzes bisheriges Leben war eigentlich nur Vorbereitung, Übung für das, was er zu leisten imstande zu sein glaubt. Im Gegensatz zu ihm veröffentlich sein Freund Arnold Baffin jedes Jahr äußerst erfolgreich ein Buch - schnell hingeworfen, wie Bradley geringschätzig und auch neidisch vermerkt, keine Kunst sondern nur Handwerk.

Die Zeit zu schreiben steht ihm nun unbegrenzt zur Verfügung; aber die Gedanken, die er zu Papier bringen möchte, die fehlen. Deshalb hatte er beschlossen, sich für eine Weile aus London zurückzuziehen, sich gänzlich abzuschotten. Niemandem hatte er erzählt, dass er wegwollte.

Doch als er gerade aus der Stadt verschwinden will, wird sein bis dato so beschaulich-ruhiges Leben auf den Kopf gestellt. Christin, seine Ex-Frau, ist zurück in London, ihr Bruder rückt ihm auf den Pelz, weil er sich erhofft, so wieder einen Platz an der Geldbörse seiner Schwester zu erobern, er wird erst in die Ehestreitigkeiten seines Freundes Arnold Baffin hineingezogen - um danach von dessen Frau beinahe verführt zu werden. Und seine Schwester steht plötzlich vor der Tür, mit dem Leben fertig, da sie ihren Mann verlassen hat.

Kein Wunder, dass er sich überfordert fühlt. Doch noch etwas passiert, etwas, womit er nie gerechnet hätte: er verliebt sich rasend in die Tochter seines Freundes Arnold, Julian. Diese ist 20, er kennt sie von Kindesbeinen an - ihm ist klar, dass er niemals irgendjemandem von dieser Liebe erzählen darf.

Und tut es doch. Erzählt nicht nur irgendjemandem davon - er platzt bei Julian selbst damit heraus. Aber nun passiert, was er niemals auch nur zu träumen gewagt hatte: auch Julian liebt ihn, seit langem schon, verehrt ihn - und reißt mit ihm gemeinsam aus, flüchtet vor ihren Eltern, die den beiden jeden weiteren Kontakt untersagen wollen.

Wunderbare Tage am Meer, reines Glück - und es wird jäh unterbrochen. Bradleys Schwester hat in seiner Wohnung Selbstmord verübt, er soll sofort zurück. Er verspricht auch, zurückzukommen; doch noch nicht heute. Denn heute muss, ja muss er endlich mit Julian schlafen....

Den Inhalt dieses Buches in ein paar Worten wiederzugeben fällt mir sehr schwer. Dazu ist viel zu viel passiert in diesen 500 Seiten; und zwar passiert im positivsten Sinne, denn auch wenn die Ereignisse sich zu überstürzen drohen, wirkt das Buch niemals ungenau, hingeschludert oder ähnliches.

Erst nach der Hälfte des Buches entdeckt Bradley seine Liebe zu Julian, dieser 20-jährigen Tochter seines Freundes. Und hier ist auch für mich der einzige Schwachpunkt zu vermerken: die Beschreibung, wie er seine Verliebtheit entdeckt und wie er darauf reagiert. Das war mir zu schwülstig.

Aber ansonsten! Gut geschilderte Charaktere, immer wieder klingen aus Briefen, Dialogen, andere als Bradleys Sichtweisen hervor.

Aber neben den starken Gefühlen, die hier geschildert werden, geht es auch um die Kunst des Schreibens. Wer darf sich nun zu Recht als Schriftsteller bezeichnen, ab wann ist ein Buch Kunst - hier findet sich eines der Hauptthemen dieses Romans.

Ich kann allen nur empfehlen: selber lesen!

Iris Murdoch

Iris Murdoch wurde 1919 als Tochter anglo-irischer Eltern in Dublin geboren, studierte klassische Philologie in Oxford und Philosophie in Cambridge. Im 2. Weltkrieg arbeitete sie für die Flüchtlingshilfe der UN. Sie starb im Februar 99, nachdem sie in den Jahren davor an Alzheimer erkrankt war.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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