Haruki Murakami - Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Originaltitel: Sekai no owari to Hard-boiled Wonderland
Roman. Suhrkamp Verlag 1995
533 Seiten, ISBN: 3518396978

Seltsame Auftraggeber waren dem Erzähler der Geschichte nicht fremd - schließlich war auch seine Arbeit seltsam genug. Zahlen waschen nannte man sein Gewerbe - Zahlen aus Forschungsergebnissen so zu transformieren, dass jemand, der sie in die Hände bekäme, nichts mehr damit anzufangen wusste. Warum er dazu aber erst durch unendliche Zimmerfluchten geführt werden musste, einen unterirdischen Fluss entlanglaufen und unter einem Wasserfall durch, das war ihm ein Rätsel. Der verrückte Professor erzählte etwas von Schwärzlingen, die in der Dunkelheit lauern würden, und dass sowohl die Agenten des staatlichen "Systems" als auch der "Fabrik" hinter ihm her wären. Und zum Abschied schenkt er ihm noch einen merkwürdigen Tierschädel.

Dass die Daten des Professors wirklich sehr begehrt sind, merkt der Erzähler dann rasch - er erhält Besuch von beiden Seiten, seine Wohnung wird dem Erdboden gleichgemacht, und dann ruft auch noch die Enkelin des Auftraggebers und bittet ihn um Hilfe: Der Professor ist verschwunden, und nur er kann helfen. Ansonsten steht das Ende der Welt bevor.

Das Ende der Welt: Immer wieder stößt er in letzter Zeit auf diese Phrase. Und auf Einhornschädel - eine Welt, in der man von seinem Schatten, seinen Erinnerungen getrennt wird, und aus der es kein Entrinnen gibt...

Ziemlich abgefahren, diese Geschichte! Die beiden Bücher, die ich zuvor von Haruki Murakami gelesen hatte (Wilde Schafsjagd und Gefährliche Geliebte) ließen das zwar schon ahnen, aber waren noch wesentlich stärker an der Realität verhaftet.

Wenn man sich auf die Phantasiewelt einlässt, die Murakami bietet, lässt einen die Geschichte nicht mehr los. So fremd der Erzähler und seine Gedankenwelt auch sein mögen, die Bücher, die er liest, die Musik, die er hört - die kennt man.

Es ist außerdem ein sehr sensibles, kluges Buch, was Beziehungen, Einsamkeit, Wertigkeiten im Leben betrifft - ganz beiläufig erzählt der Autor hier von einem Menschen, der in seinem Leben nicht mehr wirklich zu Hause ist, und dann, sobald er anfängt wieder an seiner Umwelt Anteil zu nehemen, sich zu beteiligen - da endet alles auch schon wieder.

Schwer zu beschreiben - man muss es selbst lesen! Und wer sich darauf einlassen kann, wird es bestimmt mit Vergnügen lesen. Wer ein bisschen mehr Realismus schätzt, dem könnte es leicht zu wirr und seltsam werden.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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