Haruki Murakami - Tanz mit dem Schafsmann

Originaltitel: Dansu, Dansu
Roman. Dumont Literaturverlag 2002
452 Seiten, ISBN: 3832155333

Vor ein paar Jahren hatte ihn die Frau mit den hinreißenden Ohren im Hotel Delfin in Sapporo verlassen. Und nun hat er immer wieder das Gefühl, jemand weine um ihn - sie. Im Hotel Delfin. Ein vages Gefühl nur, nicht fassbar - aber doch immer drängender, als würde sie ihn dahinziehen.

Was hatte er auch schon zu verlieren? Nachdem er vor einigen Jahren auf die Suche nach einem seltsamen Schaf (Wilde Schafsjagd) gegangen war, hatte sein Leben sich ohnehin geändert. Er war nicht mehr in der Werbeagentur tätig, lebte aber trotzdem gut von den Aufträgen, die man ihm nach wie vor erteilte: hier ein Report über Feinschmeckerrestaurants, oder andere Auftragsarbeiten. Geistiges Schneeschaufeln, so bezeichnete er seine Tätigkeit selbst.

Ein Aufbruch war also nicht schwer. Und auch das Hotel gab es, wider Erwarten, immer noch. Zumindest ein Hotel desselben Namens; denn mit dem alten, vermoderten kleinen Hotel hatte dieser moderne Luxuskomplex nichts mehr gemein. Die Frage nach dem Verbleib des alten Hotels bringt ihn auch erst nicht weiter; bis die Rezeptionistin ihm eine seltsame Geschichte erzählt. Eines Abends wäre sie mitten im Hotel an einem ganz anderen Ort gelandet - einem dunklen, kalten Ort. Und sie war da nicht alleine.

Nein, sie war da nicht alleine, das merkt er auch selbst, als er sich auf die Suche nach dem Ort macht. Denn an diesem Ort, in diesem Refugium, haust der Schafsmann. Er wäre dafür zuständig, die Fäden für ihn zu knüpfen, Verbindungen herzustellen, erklärt er ihm - und dass nur seinetwegen das Hotel noch diesen Namen trage. "Tanze. Das ist der einzige Weg. Ich würde dir gern alles besser erklären. Aber ich kann nicht. Ich kann dir nur sagen: tanze. So gut du kannst. Du hast keine andere Wahl." Das ist die Nachricht, die er ihm mit auf den Weg gibt.

Und wirklich scheint etwas in Bewegung geraten zu sein. In einem Film, den er sich nur ansah, weil ein Schulkollege von ihm mitspielte, sah er sie endlich wieder - Kuki. Die Frau mit den hinreißenden Ohren. Ein junges Mädchen kreuzt seinen Weg - Yuki, die Tochter einer berühmten Fotografin; ein seltsames Mädchen, von der Mutter meist irgendwohin abgeschoben. Sie hat seltsame Fähigkeiten; sie spürt Unsagbares.

So beginnt er zu tanzen; immer schneller dreht sich das Karussell; eine tote Prostituierte, eine Reise nach Hawaii, ein Callgirl-Ring - und er tanzt. Tanzt, so gut er kann...

Eines gleich vorweg: ich liebe die manchmal absurd erscheinende Gedankenwelt Murakamis, die Welten, in die er den Leser so selbstverständlich führt. Trotzdem hatte ich mit diesem Buch ein paar Probleme.

Während ich sonst von Beginn an gefesselt war, hat es hier lange gedauert, bis dieser ganz spezielle Ton getroffen war, der die Bücher von Murakami ausmacht. Zu Beginn wird mehr oder weniger eine Begründung für das geliefert, was später kommt; die Welt, die er in der "Wilden Schafsjagd" erschaffen hat, wird hier nochmals vorgestellt, und das scheint dem Autor auch selbst nicht wirklich Spaß zu machen. Erst als die Geschichte dann in Schwung kommt, ist er wieder da: dieser Sog, der den Leser mitträgt auf einer spannenden Reise zwischen Traum und Wirklichkeit.

Individuen haben es nicht leicht in der japanischen Gesellschaft; und diesen Randfiguren schenkt der Autor seine Aufmerksamkeit. Menschen, die sich dem Alltagstrott eines Nine-to-Five-Jobs entziehen, die nicht arbeitsscheu sind, aber dabei unabhängig bleiben wollen; Menschen, die eine stärker ausgeprägte Sensibilität ihr eigen nennen - das sind die Protagonisten seiner Romane.

In diesem Buch ist es der Kontrast zwischen dem Ich-Erzähler und seinem alten Schulfreund, dem Schauspieler, der über weite Strecken die Spannung trägt; denn dieser, Gotanda, funktioniert in vieler Hinsicht nur. Eingespannt in die Maschinerie der Filmindustrie lebt er im größten Luxus - und kann sich dennoch nicht von den Schulden der Vergangenheit loskaufen. Ein Leben aus dem Spesenkonto ist es, was er führt; es gibt kaum etwas, was er davon nicht kaufen könnte. Bis auf seinen Ausstieg - und die Liebe seiner Exfrau.

Dagegen lässt der Erzähler los - trotz aller Umsicht gestattet er sich eine Auszeit, um auf die Suche nach etwas zu gehen, was er tief in sich selbst verloren hat.

Und hier kommen wir dann auch zu dem großen Kritikpunkt, den ich an diesem Werk anbringen möchte: ganz groß und deutlich will es eine Botschaft verkünden. So, wie es zum Beispiel auch in den Büchern von Paulo Coelho oder Susanna Tamaro geschieht. Ein Aufruf, den Zugang zum innersten Selbst nicht verschütt gehen zu lassen, Trauer und auch Nähe zuzulassen - vieles davon spricht Murakami auch in anderen Büchern an. Aber dort lässt er mir die Möglichkeit, diese Erkenntnis selbst zu treffen, wenn ich diese Interpretation herauslesen will. In "Tanz mit dem Schafsmann" habe ich diese Möglichkeit nicht. Denn hier habe ich nur eine Wahl: die Botschaft mit dem Holzhammer zu empfangen. Und das hat ein Autor diesen Formats eigentlich nicht nötig.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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