Haruki Murakami - Sputnik Sweatheart

Originaltitel: Supuutoniku no koibito
Roman. Dumont Literaturverlag 2002
210 Seiten, ISBN: 3832156968

Schreiben will Surime, schreibend ihren Lebensunterhalt verdienen - auch wenn sie dafür Einschränkungen in Kauf nehmen muss. Und sie schreibt auch, täglich, viele Seiten, sie schreibt auch gut, wie ihr bester Freund findet - nur: sie schafft es nicht, etwas fertig zu stellen, alles bleibt fragmentarisch, ihre Ideen lassen sich nicht zu etwas Ganzem zusammenfassen.

An Lebenserfahrung, eigenem Leid, eigener Leidenschaft würde es ihr fehlen, klagt sie - schließlich war sie noch nie verliebt, verspürt keinerlei sexuelles Verlangen. Sehr zum Leidwesen des Erzählers, der sich hoffnungslos in sie verliebt hatte.

Und dann geschieht es: eine Begegnung, und sie kennt es auch, diese Sehnsucht, das wilde Verlangen, fremde Haut zu spüren, einem Menschen so nahe zu sein, wie es nur irgendwie geht. Natürlich nimmt sie daher das Angebot an, für Miu zu arbeiten, auch wenn sie dafür ihre schriftstellerischen Ambitionen vorerst aufs Eis legen muss. Doch seit sie Miu begegnet ist, kann sie ohnehin nicht mehr schreiben.

Miu, die Frau, die diese Erschütterungen hervorruft, ist verheiratet, und auch deutlich älter als Surime. Und auch sie hatte einst für sich die Lebensbahn eines Künstlers im Sinne, wollte unbedingt Konzertpianistin werden - bis zu diesem einen Abend, der ihr Leben von Grund auf verändern sollte. Niemandem hatte sie bislang davon erzählt, nicht ihrem Mann, keinem Vertrauten. Nur Surime erzählt sie davon, als sie beide nach einer Geschäftsreise einige Tage in Griechenland verbringen.

Kurz darauf ist Surime verschwunden - wie vom Erdboden verschluckt...

Murakami ist mit diesem Roman wieder einmal geglückt, den Leser mit einer ursprünglich ganz einfachen Geschichte zu fesseln - der Liebe einer jungen Studentin zu einer reiferen Frau. Auf gewohnt einfache und dennoch bezwingend suggestiv lässt er uns teilhaben an ihren plötzlichen, für sie so fremden Emotionen. Gezeigt wird uns all dies durch den Filter ihres besten Freundes, der uns die Geschichte erzählt - und der uns auch von seiner eigenen, unerwiderten Liebe zu Surime berichtet.

Und dann kommt das, worauf der Leser eines Murakami-Romanes auch schon wartet: ganz selbstverständlich geleitet er uns in eine fremde Welt, in Erfahrungen, wie sie nicht in der uns bekannten Realität gemacht werden können. Miu´s Erlebnisse in der Schweiz sind ein absoluter Höhepunkt bei dieser Lektüre; ihre Spaltung in die reale Existenz und ein Schattenwesen führt den Leser an den Rand der eigenen Ängste; sich selbst zu verlieren, sich selbst fremd zu werden und den Zugang zu sich so nachhaltig zu verschütten, dass es keinen Ausweg mehr gibt.

Für mich war es das erste Buch, das ich in der englischen Übersetzung gelesen habe. Da Murakamis Stil stark von seiner frühen, amerikanischen Lektüre geprägt ist, fühlt man hier noch intensiver als in deutschen Übersetzungen die Kraft, die in dieser bewusst einfachen Sprache liegt, den Rhythmus, der sie prägt.

Das Ende ist hier relativ offen geblieben. Ob es eine Fortsetzung geben wird? Bekannt ist darüber bislang nichts. Aber ich würde sie mir wünschen.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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