Haruki Murakami - Naokos Lächeln

Originaltitel: Noruwei No Mori
Roman. Dumont Literaturverlag 2001
428 Seiten, ISBN: 3770156099

Dieses Lied - jedes Mal, wenn er den alten Beatles-Song "Norwegian Wood" hört, gibt es ihm einen Stich ins Herz. "Versprich mir, dass du mich nie vergisst" hatte sie ihn gebeten, kurz bevor sie sich umgebracht hatte.

Toru Watanabe war 19, als er Naoko zufällig in Tokio wiederbegegnet. Nach Kuzikos Tod, der sie beide sehr unvorbereitet getroffen hatte, konnten sie die alte Freundschaft nicht mehr aufrechterhalten - zu sehr war Kuziko die treibende Kraft. Er und Naoko kannten sich bereits seit ihrer Kindheit, Toru war der einzige Freund, den sie beide in ihre Zweisamkeit aufgenommen hatten. Und dann war Kuziko mit Toru nach Billard spielen - ohne Andeutung, ohne Erklärung tötete er sich danach selbst.

Als Toru und Naoko sich nun in Tokio treffen, steht Kuziko immer mit ihm Raum. Sie reden kaum, sie unternehmen stundenlange Spaziergänge durch die Stadt. Und immer, wenn Naoko ihm besonders tief und intensiv in die Augen schaut, weiß er - das gilt jetzt nicht ihm. Zum Lachen kann er sie nur bringen, wenn er die absurden Geschichten über seinen Zimmerkollegen erzählt. An ihrem 20. Geburtstag beginnt sie zu weinen, als würde sie nie wieder aufhören; er versucht, sie zu trösten, er schläft mit ihr - und kann doch nicht wirklich zu ihr vordringen. Einige Tage später ist sie weg - spurlos verschwunden, ohne ihm auch nur ein kleines Lebenszeichen zu hinterlassen.

Briefe sind alles, was ihm bleibt. Immer wieder schreibt er an die Adresse ihrer Eltern, schreibt, was ihn bewegt, wie durcheinander er selber ist. Monatelang erhält er keine Antwort. Als Naoko ihm endlich antwortet, schreibt sie nur, dass sie in einem Sanatorium in den Bergen ist. Und seine Briefe alle gelesen hat. Im Moment sei sie nicht stark genug - aber irgendwann würde sie sich freuen, wenn er sie besuchen käme.

Die Zeit in Tokio hatte Toru zwischenzeitlich so verbracht wie immer - einsiedlerisch, lesend. Die Bücher, die er liebte, kannten seine Kommilitonen meist gar nicht. Bis auf einen. Der so wie er den "Großen Gatsby" liebte - und auch sonst aus der Masse der Studenten herausstach. Gutaussehend, hochintelligent, flog ihm der Erfolg nur so zu. Auch die Mädchen ließen sich immer in kürzester Zeit von seinem Charme einwickeln - und wenn Toru mit ihm unterwegs war, dann fiel auch für ihn immer ein Mädchen ab. Auch wenn er diese Form von unpersönlichem Sex nicht liebte, er jedes mal mit Grauen an den Morgen danach dachte, ließ er sich doch immer wieder dazu überreden, mit seinem Freund um die Häuser zu ziehen.

Und ein seltsames Mädchen traf er immer häufiger an den Sonntagen, die seit Naokos Verschwinden wieder frei waren; Midori, die so frank und frei auf ihn einredet, ihm Geschichten erzählt, die sie nur erfunden hat - und die ihn immer wieder in Verlegenheit bringt mit ihren pornographischen Geschichten. Dass Midori nach der Mutter nun auch noch den im Sterben liegenden Vater pflegt, erfährt er erst viel später, als sie sich besser kennen. Nur von Naoko kann er ihr nicht erzählen.

Naoko wünscht sich seinen Besuch. Sie müsse über vieles reden - und er macht sich auf in die Einsamkeit, um sie in diesem seltsamen Sanatorium zu sehen. Denn seltsam ist dieser Ort; wer davon Patient und Arzt ist, lässt sich nur sehr schwer unterscheiden. Jeder lernt von jedem; die Frau, Reiko, mit der Naoko die kleine Wohneinheit teilt, ist bereits seit vielen Jahren hier und fast schon selbst zu einer Institution geworden. Auch ihre Geschichte hört er in den wenigen Tagen, die er bei den beiden Frauen verbringt; und bei ihr, so glaubt er, ist Naoko gut aufgehoben, geborgen, bis zu jener Zeit, wenn er für sie sorgen kann.

Naoko und Midori - wie sehr er sie beide liebt, merkt er erst, als Midori ihm in ihrer direkten Art die Augen öffnet. Aber da ist doch immer noch Naoko - die ihn zwar nicht liebt, aber trotzdem braucht....

"Nur eine Liebesgeschichte" so lautet der Untertitel dieses Romans von Haruki Murakami. Wer darin allerdings nach den "Stellen" sucht, die im Literarischen Quartett zum Eklat geführt haben, wird enttäuscht sein - zwar geht es immer wieder um Sex, auch sehr freimütig und direkt, aber da ist keine Leidenschaft und Erotik spürbar; Murakami erzählt davon genauso sachlich und unaufgeregt, wie er uns auch an der großen Einsamkeit seiner Protagonisten teilhaben lässt.

Todessehnsucht und der Wille zum Leben, das durchzieht dieses Buch, das in Japan zum Kultbuch wurde. Er trifft in seinen Beschreibungen genau die Verzweiflung, die Suche nach etwas, woran man sich festhalten kann - und die Trauer, wenn ein geliebter Mensch weggeht.

Was mich an diesem Buch zusätzlich sehr angesprochen hat, ist die Liebe zum Land, zur Landschaft die aus all den Beschreibungen herausspricht. Er hält sich nicht lange mit Schilderungen auf; aber das, was er vor meinem Auge entstehen lässt, schürt die Sehnsucht, selbst einen Blick darauf werfen zu können.

Ein wunderschön-trauriges Buch - das ich auch all den Lesern empfehlen kann, die sonst mit Murakamis seltsamen Begebenheiten ein Problem haben.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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