Haruki Murakami - Nach dem Beben

Originaltitel: After the Quake
Erzählung(en). (englischsprachiger Verlag) 2003
1996 Seiten, ISBN: 3499222507

Nach dem Erdbeben in Kobe und dem Giftgasanschlag der AUM-Sekte in Tokio 1995 war der zu diesem Zeitpunkt in den USA lebende Autor nach Japan zurückgekommen. Die beiden Ereignisse hatten das Land in den Grundfesten erschüttert; Murakami hat seine Interviews mit Opfern und Tätern des Giftgasanschlags in dem Buch "Untergrundkrieg" veröffentlicht, das Erdbeben hat er in sechs Kurzgeschichten verarbeitet.

Dabei spielt das Erdbeben in keiner der Erzählungen auf den ersten Blick eine große Rolle; zwar verlässt in der ersten Geschichte die Ehefrau des Protagonisten ihren Mann, nachdem sie fünf Tage lang ununterbrochen die Bilder vom Erdbeben im Fernsehen betrachtet hat, aber eigentlich geht es in dieser Geschichte um die Leere, die den Mann in den letzten Jahren erfasst hatte, so dass er nur noch eine attraktive, gut funktionierende Hülle blieb...

Ein Kind träumt vom Erdbebenmann, ein junger Mann findet eines Abends in seiner Wohnung Frosch vor, der mit ihm gemeinsam unbedingt Wurm bekämpfen will - denn wenn Wurm sich aufregt, wird es in Tokio ein Erdbeben geben, das noch viel schlimmer ist als das von Kobe; eine Gruppe junger Leute errichtet regelmäßig große Freudenfeuer aus Schwemmholz - um von den Verbindungen abzulenken, die lange zuvor gekappt wurden.

In meiner Lieblingsgeschichte, Thailand, wird eine Ärztin in mittleren Jahren so sehr von Hass auf den Mann, der ihr Leben zerstört hat, geplagt, dass sich ein Stein in ihr gebildet hat.

Ich bin seit jeher kein großer Fan von Erzählungen, weil ich länger in eine Geschichte eintauchen können will, weil ich finde, dass gerade Autoren wie Murakami, der meist sehr dicke Romane schreibt, sich bei Erzählungen irgendwie verlieren - und auch in diesem Band war für mich keine einzelne Erzählung dabei, die ich als herausragend oder im Gedächtnis bleibend nennen könnte.

Aber es ist die Summe an schwer festzumachenden Brüchen, die im Gedächtnis bleibt; das Gefühl der Verunsicherung, als hinge man nur noch mit wenigen Wurzeln am Erdreich fest. Ein Gefühl auch der inneren Leere - und des wachsenden Bewusstseins, dass da nichts mehr ist, dass die Seele verschütt gegangen ist.

Das ist es, was Murakamis Erzählungen bei mir auslösen - ein guter Grund, sie weiter zu empfehlen.

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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