Haruki Murakami - Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah

Originaltitel: --
Erzählung(en). Rowohlt Verlag 1996
215 Seiten, ISBN: 3499222507

"Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" - ein Titel für eine Erzählung, der an sich schon ein Gedicht ist. Und die Erzählung hält dieses Versprechen; auf gewohnt unprätentiöse Weise lässt uns Murakami teilhaben an einer flüchtigen Begegnung auf der Straße; ein junger Mann, eine Frau, die sich kurz anblicken. Und er weiß: das war sie - mein 100%iges Mädchen. Und ich habe sie nicht angesprochen. Denn wie spricht man ein 100%iges Mädchen an? Ist es nicht lächerlich, ihr das gleich bei der ersten Begegnung zu sagen? Wer würde ihm schon glauben? Und so lässt er sie vorbeigehen - ohne sie angesprochen zu haben.

Es gibt in diesem Geschichtenband noch drei Erzählungen, die ich als ähnlich stark empfand; da wären zum Beispiel die "Lederhosen", die den Ausschlag dafür geben, dass eine Frau ihren Mann und ihr Kind verlässt.

"Familiensache" stellt zwei Geschwister in den Mittelpunkt, die sich schon seit einigen Jahren eine Wohnung teilen. Beide empfinden das Arrangement als sehr zufriedenstellend; sie belästigen sich nicht, jeder lässt den anderen seiner Wege gehen, sein Leben leben. Dann verlobt sich die Schwester. In einen Mann, den ihr Bruder zwar nicht wirklich unsymphatisch findet - mit dem er aber auch gar nichts anfangen kann. Und das vormal so harmonische Zusammenleben erhält Risse.

"Das Schweigen" lässt einen Mann auf seine Schulzeit zurückblicken. Anders als seine Klassenkameraden hatte er sich für den Boxsport entschieden. Und ganz zu Beginn in einem unbeherrschten Augenblick einem Mitschüler auf die Nase geschlagen - was er sofort bereute. Doch die Reue hilft nichts; sein Mitschüler sinnt auf Rache. Er lässt sich damit Zeit - doch als die Gelegenheit günstig ist, weiß er sie vernichtend zu nutzen...

Was einem bei Murakami alles begegnet, sind neben ziemlich phantastischen Gestalten wie dem tanzenden Zwerg, TV-People oder Monstern vor allem Menschen des Alltags, die aber in irgendeiner Form am Rande stehen. Ihre Defizite liegen vor allem im sozialen Bereich; sie können nicht wie der Rest ihrer Umgebung unauffällig konform gehen, sie eignen sich nicht zum Leben in der Masse. Kleinigkeiten sind es oft nur, die diese Andersartigkeiten demonstrieren; und genau im Schildern dieser Kleinigkeiten liegt Murakamis große Stärke.

Gerade, wenn man den Autor noch nicht kennt, testen möchte, ob seine Art zu schreiben, oft völlig ins phantastische abzudriften, gefällt, sind die beiden Erzählbände "Wie ich eines schönen Morgens das 100%ige Mädchen sah" und "Der Elephant verschwindet" hervorragend geeignet. Und der Fan will ohnehin alles lesen!

Haruki Murakami

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte nach seinem großen Erfolg "Naokos Lächeln" längere Zeit in Europa und den USA, heute wieder in Tokio. Er ist der gefeierte und mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor von Romanen und Erzählungsbänden. Er hat die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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