Sibylle Mulot - Nachbarn

Originaltitel: Nachbarn
Roman. Diogenes 1993
347 Seiten, ISBN: 3257229275

Parisey, eine französische Kleinstadt ist der Schauplatz dieses Romans – nicht weit von der deutschen Grenze, in den 80er Jahren.

Es beginnt mit einem Begräbnis. Der Sohn Delmonts, des Verstorbenen, kommt zu diesem Anlass das erste Mal seit langer Zeit wieder nach Parisey, trifft hier auf seine Jugendliebe Renée, die sich damals einfach nicht entscheiden konnte, ihn zu heiraten. Der Grund dafür liegt weit in der Vergangenheit; Renée Pasteurs Vater war in den letzten Kriegstagen als Kollaborateur getötet worden – völlig zu Unrecht, wie ihre Mutter behauptet. Nie habe er etwas derartiges unternommen. Seine Leiche wurde auch nie aufgefunden, es gibt noch nichtmal ein Grab, an dem sie stehen und trauern können.

Delmont hatte in seinen letzten Jahren begonnen, Unterlagen über die Machenschaften des Maquis zusammenzutragen, Schicksale aufzuzeichnen, Beteiligte zu befragen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen hatte er Renées Nachbarn, Lorain, hinterlassen.

Dieser hatte den Widerstand in diesem Maquis geleitet – in der allerletzten Zeit, als der Kriegsausgang schon relativ gewiss war, unterstützt vom Gendarmen Gibet, der zuvor für die Deutschen gearbeitet hatte und nun allseits respektierter Bürgermeister ist. Nun soll ausgerechnet diesem das Ehrenkreuz verliehen werden – ein Umstand, den der Lorain nicht so einfach hinnehmen kann, zumal er als Vorgesetzter Gibets dabei übergangen wird.

Und so beginnt er, Renée endlich über diese Zeit zu informieren – mit seinen Nachbarn zu reden, was er in all den Jahren nicht gemacht hatte. Und er beginnt auch, den eigenen Part an Verantwortung zu tragen...

Sibylle Mulot greift in ihrem Roman ein sehr schwieriges Thema an: Die Zeit nach dem Krieg. Sie behandelt die Frage, inwieweit man wissen kann, wer zu welcher Zeit auf der „richtigen“ Seite stand. Wie einfach es ist, in Verruf zu geraten, weil ein deutscher Soldat freundlich zu einem ist. Wie leicht man unliebsame Nachbarn durch Denunziation aus dem Weg schaffen kann.

Der Roman entfaltet seine großen Stärken vor allem im Mittelteil; hier erfährt Julia vieles aus der Vergangenheit, hier werden die sozialen Strukturen der Kleinstadt so richtig deutlich sichtbar. Es entsteht ein Bild, das in seiner Kleinlichkeit, Engstirnigkeit und auch Hinterhältigkeit geradezu erschreckend lebendig ist.

Allerdings dauert es ein wenig, bis die Geschichte so richtig beginnt.

Sibylle Mulot ist eine Autorin, deren Bücher weniger durch reißerischen Inhalt oder komplizierte Sprachgefüge wirken. Die Geschichten, die sie erzählt, vergisst man trotzdem nicht.

Sibylle Mulot

Sibylle Mulot, geboren 1950 in Reutlingen, Studium der Literaturwissenschaft, Promotion über Robert Musil. Ausbildung zur Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung. Nach längeren Aufenthalten in Wien und Rom lebt Sibylle Mulot jetzt in Frankreich.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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