Sibylle Mulot - Das Horoskop

Originaltitel: Das Horoskop
Roman. Diogenes 1997
122 Seiten, ISBN: 3257231121

Im Zug von Lindau nach Paris. Schon beim Einsteigen war ihr diese Frau aufgefallen - sehr gepflegt, selbstbewusst, viel Ausstrahlung. Eigentlich wollte sie alleine bleiben - doch da auch diese Frau ein Umsteigeproblem in Basel hatte, mit dem sie selbst sich schon Tage zuvor auseinandergesetzt hatte, kommen sie ins Gespräch. Und das gemeinsame Schleppen der Reisetasche voll Marzipan bringt die Geschichte ins Rollen: nach und nach erzählt die Frau ihre Lebensgeschichte.

Erzählt von ihrer beginnenden Karriere als Ballett-Tänzerin, die sie für ihre große Liebe aufgibt. Und sie erzählt auch von ihrem Sohn, für den sie die Tasche voll Marzipan mitschleppt - obwohl sie seit Jahren kein Wort mehr von ihm gehört hat, er ihr sogar gerichtlich untersagt hat, die Enkelin zu sehen.

Beim Hören dieser Geschichte entdeckt die Zuhörerin mehr Vertrautes, denn auch ihr Mann hat seit 25 Jahren den Kontakt zu den Eltern völlig abgebrochen. Wirkliche Gründe für diesen radikalen Schritt finden sich in keinem der beiden Fälle; es liegt an den Kleinigkeiten.

Für mich ist auch nach den gelieferten Argumenten in diesem Buch nicht klar, wie man wirklich jeden Kontakt zur Familie abbrechen kann - auch wenn es vielleicht die ehrlichere Lösung ist, anstelle von Pflichtbesuchen.

In diesem Buch werden beide Seiten geschildert - die Mutter, die ihren Sohn täglich vermisst, und die Frau eines Mannes, der keinen Grund mehr sieht, sich zu Hause zu melden - ohne Hass, oder Groll, aber einfach auch ohne jeder Bedürfnis.

Medi, die "verlassene" Mutter, war auch beim Wahrsager und das war eine der witzigsten Passagen in diesem Buch. Denn Medi glaubt völlig daran - und die Zuhörerin zeigt ihr einige der Gründe, wie diese Wahrsagerin zu ihren Behauptungen kommt.

Ein kurzer Roman, mehr eine Erzählung, die sich durch eine klare schöne Sprache auszeichnet, mit vielen humorvollen Elementen - ich kann es nur empfehlen!

Sibylle Mulot

Sibylle Mulot, geboren 1950 in Reutlingen, Studium der Literaturwissenschaft, Promotion über Robert Musil. Ausbildung zur Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung. Nach längeren Aufenthalten in Wien und Rom lebt Sibylle Mulot jetzt in Frankreich.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.01.1999 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing