Harry Mulisch - Siegfried

Originaltitel: Siegfried. Een zwarte idylle
Roman. Hanser Literatur Verlag 2001
191 Seiten, ISBN: 3446200908

Rudolf Herter ist erfolgsverwöhnter Schriftsteller; dass ihm in den Hotels, in denen er absteigt, mit großer Zuvorkommenheit begegnet wird, ist seit einigen Jahren alltäglich für ihn. Diesmal ist er in Wien, eine Lesereise für sein neues Buch "Die Erfindung der Liebe" zu machen. Die Kritiken sind enthusiastisch, der Absatz reißend. Die Interviews, die Herter gibt, sind für ihn allerdings zur Routine geworden; am meisten konzentriert er sich darauf, die immer wieder gestellten Fragen nicht zu offensichtlich ständig gleich zu beantworten.

Nach seiner Lesung kommt ein altes Ehepaar auf ihn zu; sie hätten etwas, das sie ihm gerne erzählen würden. Neugierig geworden, besucht Herter die beiden am nächsten Tag. Und bekommt zu hören, was bislang noch keinem erzählt wurde; denn, so die Falks, sie hätten ein Versprechen gegeben, an das sie sich auch gebunden fühlten.

Die Falks waren Bedienstete auf Hitlers Obersalzberg in Berchtesgarden. Von Feiern bis zum Morgengrauen erzählen sie, davon, dass Eva Braun zwar auf dem Obersalzberg völlig als Geliebte Hitlers etabliert war, er sie jedoch nicht heiraten wollte, in der Öffentlichkeit weiter als der Mann erscheinen wollte, der für alle Frauen da sei, der für alle erreichbar sei. Und dann erfahren sie ein Staatsgeheimnis: Eva Braun erwartet ein Kind. Und sie, die Falks, sollen offiziell dessen Eltern sein, denn ein Kind des Führers würde sein selbstgemachtes Bild in der Öffentlichkeit trüben.
Am 9. November 1938 wird er geboren: Siegfried - welchen Namen sonst könnte das Kind des Führers erhalten?

Eine Idylle auf dem Obersalzberg - ein fröhliches, hellwaches und begabtes Kind, das schon früh aller Herzen erobert. Von Krieg ist hier oben wenig zu spüren; nur daran, dass Hitler immer länger abwesend bleibt und eines Tages auch nach Eva verlangt. Ohne Siegfried soll sie reisen; ein Abschied, der ihr schwer wird. Wie schwer, erfährt sie kurz darauf: angeblich war es ein Unfall, dieser Tod, doch die Falks hatten den Auftrag erhalten, Hitlers Sohn zu liquidieren...

Ein Schriftsteller, der in seinen Gedanken damit spielt, einen Menschen in der Phantasie einer unglaublichen Grenzsituation auszuliefern und dem dann eine Geschichte erzählt wird, die jegliche Phantasie noch übertrifft; Mulisch erzählt hier wie in einem Spiegelkabinett, immer wieder sieht man den Mann, der in den Spiegel sieht, der einen Mann sieht, der in den Spiegel sieht, der einen Mann sieht, der in den Spiegel sieht.

Die Verschmelzung zwischen dem realen Autor Harry Mulisch und der fiktiven Schriftstellerfigur Rudolf Herter war für mich so erschreckend real, dass mich ständig ein leichtes Unbehagen beschlich. Wenige Monate vor der deutschen Veröffentlichung hatte Mulisch aus dem Buch vorgelesen, hatte ein wenig erzählt, wie es zu dem Buch gekommen sei, was für ihn die Essenz wäre; und in seinen Gesten, der Art, wie er spricht, den Antworten ausweicht, auch wie er signiert, entspricht alles so sehr dem, was ich selbst beobachtet und gesehen habe, dass man Mulisch wohl zu seiner Selbstbeobachtung gratulieren muss.

Sein Versuch, sich Hitler anzunähern, diesen unverständlichen Schrecken irgendwo zu fassen zu kriegen, auf irgendeine Weise anzufangen, zu verstehen, was seine Faszination ausgemacht hatte endet in der Aussage, dass man Hitler nicht als das personifizierte Böse, sondern als das Nichts an sich betrachten müsse; das wäre auch der Grund, warum niemand ihn erschöpfend erklären könne. Seine Phantasie versteigt sich in Höhen, in denen Nietzsche das erste Opfer Hitlers wurde; denn genau am Tag dessen Geburt begann Nietzsches geistiger Verfall, so Mulisch/Herter. Hier dreht die Geschichte dann völlig ab, und ich zumindest hatte beim Lesen das Gefühl, das ich schon bei der Lesung hatte: der Autor speit in großer Zahl Worte, Gedanken aus, denen zu folgen eigentlich irrelevant ist, weil sie keinen Sinn mehr ergeben.

Auch hier bleibt für mich ein sehr zwiespältiger Eindruck zurück: ein erschreckendes Hitler-Szenario, das mich noch nachhaltig beschäftigt, und dagegen die Befremdung über die Erzählfigur und ihr Alter Ego.

Harry Mulisch

Harry Mulisch wurde am 29. Juli 1927 in Haarlem als Sohn eines ehemaligen Offiziers aus Österreich-Ungarn und einer Jüdin aus einer Frankfurter Familie geboren. Als Schritsteller bekannt wurde er 1983 mit dem Roman "Das Attentat", das die Zeit der deutschen Besatzung in den Niederlanden thematisiert. Den Höhepunkt seines Schaffens erlebte er 1992 mit dem Roman "Die Entdeckung des Himmels". Harry Mulisch erlag am 30. Oktober 2010 in Amsterdam seinem Krebsleiden.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Archibald Strohalm
  • Der Diamant
  • Schwarzes Licht
  • Das steinerne Brautbett
  • Selbstportrait mit Turban. Autobiografischer Roman
  • Strafsache 40/61, Reportage über den Eichmann-Prozess in Jerusalem
  • Die Zukunft von gestern, Betrachtungen über einen ungeschriebenen Roman
  • Das sexuelle Bollwerk, Sinn und Wahnsinn von Wilhelm Reich
  • Zwei Frauen
  • Höchste Zeit
  • Augenstern
  • Die Elemente
  • Die Entdeckung des Himmels
  • Vorfall
  • Das Standbild und die Uhr
  • Die Prozedur
  • Das Attentat
  • Das Theater, der Brief und die Wahrheit. Ein Widerspruch
  • Siegfried

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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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