Robert Motzek - Opferköpfe

Originaltitel: Opferköpfe
Roman. Diverse 2003
168 Seiten, ISBN: 3929879069

Neunzehn. Irgendwo mittendrin zwischen Rebellion und Erwachsenwerdenmüssen. Der Ich-Erzähler in diesem Roman hat sein Studium geschmissen, jobbt in einem Restaurant, lebt in einer WG, hat eine Freundin, in die er nicht wirklich verliebt ist, und interessiert sich vor allem für eines: die Musik.

Musik hat schon für den Zehnjährigen die Funktion gehabt, Gefühle auszudrücken, die er selbst nicht in den Griff bekam - aber während damals nur die Toten Hosen Gnade vor seinen Augen fanden, hat sich sein Einzugsbereich mittlerweile deutlich erweitert. Viele Stunden verbringt er in Plattenläden, um Musik zu hören, Neuigkeiten zu erfahren, Kaffee zu trinken - und hier lernt er auch Alex kennen, eine gutaussehende Rothaarige, die noch dazu die selbe Musik mag wie er - und Ahnung hat!

Auch wenn sie ihm ihre Telefonnummer gibt, zu einem Treffen erscheint sie nicht. Und er betreibt weiterhin Nabelschau, versucht, eine Linie in sein Gefühlschaos zu bringen.

Als am Ende endlich das neue Album von U2 erscheint, ist sein Leben zwar nicht glücklicher als zu Beginn - aber er ist ein gutes Stück erwachsener geworden.

Auch wenn gerade zu Beginn des Buches für mich manche arg überstrapazierten Bilder wie das verlotterte WG-Zimmer und so manche Konversation bei mir eher verhaltene Lesefreude aufkommen ließen, bleibt doch unbestreitbar: dieser junge Autor hat Talent. Immer wieder stolpert man beim Lesen über Beschreibungen eines zerrissenen Seelenzustands, die man gerne ein zweites Mal liest, weil sie treffen, weil sie genau sind, weil man sie sich merken möchte.

Manchmal wurde mir beim Lesen zwar das Gefühl vermittelt, schon ganz schön alt zu sein, weit weg zu sein von dem, was mir hier geschildert wird - aber dann folgen wieder die Passagen, die altersunabhängig sind.

Wenn der Autor, was ich sehr hoffe, seinen eigenen Tonfall behält und nicht versucht, sich zu stark an Benjamin von Stuckrad-Barre oder anderen Popliteraten anzulehnen, wenn er es schafft, sich ein wenig mehr aus seiner eigenen Geschichte zu lösen und zu erzählen - dann können wir uns auf einen Autor freuen, der uns noch schöne Stunden bereiten wird. Er hat es in seinem Erstling geschafft, nicht nur ein paar schöne Sätze unterzubringen, sondern dabei auch die Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren, die er eigentlich erzählen will. Zwar ist sicher auch einiges von dem Wohlwollen, das ich dem Buch entgegenbringe, auch dem Umstand zuzurechnen, dass der Autor noch so jung ist - aber vielleicht hat ja noch jemand Lust, auf Talentsuche zu gehen und hier fündig zu werden.

Robert Motzek

Robert Motzek 1981 in Cottbus geboren, studiert seit Herbst 2001 International Business Administration in Frankfurt/Oder. Seinen Debütroman "Opferköpfe" schrieb er während der Zivildienstzeit, die er als Pfleger geistig behinderter Kinder in einem Integrationskindergarten verbrachte. Robert Motzek schreibt sportliche Kolumnen für die "Lausitzer Rundschau" und tritt regelmäßig in Theaterstücken auf.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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