Antonio Munoz Molina - Die Augen eines Mörders

Originaltitel: Plenilunio
Krimi. Rowohlt Verlag 2000
478 Seiten, ISBN: 3499230011

Drei Menschen finden keinen Schlaf in dieser Stadt. Da ist einmal der Inspektor, der erst vor kurzem in die kleine spanische Stadt versetzt wurde; die Angst, die Vorsicht ist sein ständiger Begleiter. Drohungen waren an der Tagesordnung, damals, in der Stadt im Norden; Drohungen, ihn oder seine Frau umzubringen. Jahrelang hatte seine Frau ihn gebeten, sich versetzen zu lassen. Und nun, da er endlich weg ist von all der Gefahr, ist sie im Sanatorium. Aber das ist nicht der Grund für die Schlaflosigkeit des Inspektors, dazu sind seine Gefühle schon viel zu sehr abgestumpft. Was ihn nachts wach hält ist die Suche nach einem Mörder. Die Suche nach dem Mann, der ein achtjähriges Mädchen grausam getötet hat. "Suche seine Augen" hatte sein alter Pater ihm geraten. An den Augen des Mörders, an den Augen dessen, der zuletzt auf dieses Kindergesicht geblickt hatte, müssen noch Spuren der Tat zu finden sein.

Von Unrast getrieben ist auch der Mörder; von Unrast und grenzenlosem Hass. Keiner erkennt seine Überlegenheit; keiner ahnt, was er getan hat. Seine Eltern, mit denen er noch zusammenlebt, weinen um das unbekannte tote Mädchen; nichts ahnen sie, gar nichts! Er kann am Polizeipräsidium vorbeilaufen, kann sich auf den Platz davor stellen und den grauhaarigen Inspektor anrufen - sie würden ihn nicht finden. So sehr hatte der Rausch ihn gepackt, dass er sich gar nicht mehr sicher ist, ob er es war, ob er wirklich ganz unentdeckt mit dem Mädchen zu Fuß durch die ganze Stadt laufen konnte - und niemand hatte sie gesehen, niemand sie aufgehalten.

Susana, die Lehrerin des ermordeten Mädchens, war eines Mannes wegen in diese kleine Stadt gezogen. Eines Mannes wegen, der voller Ideale und Grundsätze steckte - und der sie genau dieser Grundsätze wegen nicht viel später mit dem Kind allein zurück lies. Und nun hat ihr Sohn beschlossen, einige Zeit bei seinem Vater zu leben. Sie ist wieder alleine. Aber da ist plötzlich dieser Mann, der Inspektor, der anders ist als die Männer in dieser Stadt, verschlossener, geheimnisumwittert. In den sie sich verliebt. Der mit ihr zum ersten Mal in seinem langen Leben erlebt, was es heißt, zärtlich zu sein, sich zu sorgen, zu lieben...

Immer wieder kreuzen sich die Wege dieser Menschen in der kleinen Stadt; nach und nach erfährt man von ihrem Hintergrund, ihrer Geschichte. Es gibt keine strahlenden Helden in diesem Krimi; die Jagd nach dem Mörder verliert an Bedeutung, wichtiger wird, was die einzelnen Personen antreibt.

Der erste Teil des Krimis, der deutlich auf Spannungsaufbau ausgelegt war, hat mich mit den übertriebenen Bildern manchmal richtig verärgert. Zu ungenau, zu gewollt und vor allem: zu viel. Wenn soeben lauwarmes Bier serviert wurde, brauche ich nicht im nächsten Satz darauf hinweisen, dass das Bier warm wird; solche Beispiele häufen sich im ersten Teil.

Erst als die Beziehungen zwischen den Protagonisten persönlicher werden, als Susana und der Inspektor sich näher kommen, Gespräche mit dem Gerichtsmediziner, mit einem Mädchen, das beinahe zum zweiten Opfer geworden wäre, zu lesen sind - da erst wird das Buch wirklich lebendig und bleibt bis zum Schluss auf einem sehr hohen Niveau. Obwohl das Tempo aus der Erzählung genommen wird, steigert sich hier die Spannung, kann man das Buch schlussendlich doch nicht mehr aus der Hand legen. Und dafür lohnt es sich auf alle Fälle!

Antonio Munoz Molina

Antonio Munoz Molina, geboren 1956 in Übeda / Andalusien, gilt als einer der bedeutendsten Autoren Spaniens. 1988 erhielt er den Spanischen Staatspreis für Literatur, 1992 für den Roman "Der polnische Reiter" den Premio Planeta. Munoz Molina lebt in Granada.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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