Klaus Modick - Der kretische Gast

Originaltitel: Der kretische Gast
Roman. Eichborn Verlag 2003
455 Seiten, ISBN: 3821809299

Zu Friedenszeiten wäre die Aussicht, nach Kreta fliegen und dort all die wunderbaren Kunstschätze bewundern zu können gerade für einen Archäologen wie Johann Martens ausgesprochen verlockend gewesen. Aber auch unter den gegebenen Umständen kann man im Frühjahr 1943 von Glück sprechen, als Zivilist im wehrfähigen Alter aus Deutschland und den Bombardements rauszukommen, auf eine Insel, die längst eingenommen und nicht mehr umkämpft ist.

Johanns Aufgabe sollte es sein, auf Kreta Kunstschätze zu sichten - die dann später, so gibt man ihm zu verstehen, von der Wehrmacht sichergestellt und nach Deutschland als urgermanische Kunst rückgeführt werden würden. Kein Auftrag, der Ruhm und Ehre verspricht - aber eine Möglichkeit, auch weiterhin relativ unbehelligt durch diesen Krieg zu kommen, das Parteiabzeichen nur zu offiziellen Anlässen ans Rever zu stecken und sich ansonsten aus allem rauszuhalten.

Leutnant Hollbach, dessen Kommando Johann auch als Zivilist unterstellt ist, hat einen Führer für ihn organisiert, der ihn zu den entlegenen Dörfern und Klöstern bringen soll, wo noch Kunstschätze vermutet werden. Auf diesen Fahrten durch eine Landschaft, die durch die ausgiebigen Frühjahrsniederschläge in saftigem Grün erscheint, vergisst Johann für manche Momente den Krieg, das Misstrauen gegen seinen Führer Andreas, die Angst vor den heimischen Partisanentruppen, den Andarten. Unterwegs mit Andreas trifft er auf dessen weitverstreute Familie, wird überall, obwohl er Deutscher ist, mit Herzlichkeit empfangen und bewirtet, als Gast behandelt, der er eigentlich nicht ist.

Natürlich fallen ihm die Männer auf, mit denen Andreas sich hin und wieder verstohlen unterhält, verwegene Gestalten in der Landestracht, die meist genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Doch getreu seiner Maxime, sich nicht einzumischen, schweigt er auch dazu.

Als er einige Monate später aber von Hollbein erfährt, dass in dem Dorf, in dem er mit Andreas und dessen großer Familie Ostern gefeiert hat, ein Exempel statuiert werden soll, muss er Stellung beziehen.

Dreißig Jahre später kauft Lukas Hollbein auf einem Flohmarkt in Hamburg Kindern zwei Fotos ab; ein unbestimmtes Wiedererkennen zieht ihn zu den ansonsten für ihn uninteressanten Bildern hin. Es sind Aufnahmen von Griechenland, Kreta - und den Mann, der hier abgelichtet ist, meint er auf Fotos gesehen zu haben, die sein Vater einige Jahre nach dem Krieg im Garten verbrannt hatte. Doch sein Vater war nie auf Kreta - er hatte nur eine Verwaltungsaufgabe in Athen, war nicht an der Front, wie er auf drängende Nachfragen Lukas´ immer betont.

Trotzdem nimmt Lukas die Bilder mit, als er sich nach Ende seines Studiums als Rucksacktourist nach Kreta aufmacht...

Klaus Modick hat hier vor allem im ersten Teil eine spannende Geschichte geschrieben; Johann ist einer dieser Menschen, die von Politik am liebsten nicht behelligt werden möchten, sich so wenig wie möglich damit auseinandersetzen mögen, was um ihn herum passiert. Die Vogel-Strauß-Taktik; doch hier wird er an seine Grenze geführt, kommt zu einem Punkt, wo er weiß: wenn er auch hier den Kopf in den Sand steckt, dann wird von dem Dorf, in dem er noch vor kurzem gefeiert hat, nicht mehr viel übrig bleiben, weil in der deutschen Wehrmacht die Maxime ausgegeben wurde, dass "jede Weichheit als Schwäche" ausgelegt werde.

Sein Einschreiten hat dann ein ganz anderes Blutbad zur Folge; war es das wert? Hollbein nimmt ihn gefangen, er gilt als Verräter, wird von den Andarten unter Andreas befreit und damit zum ungewollten Auslöser von noch mehr Erschießungen. Doch diese weiteren, zahlreichen Toten werden sehr lakonisch einfach hingenommen in diesem Buch; wo am Anfang noch so viel Dramatik in den Grautönen steckt, ist am Ende doch ziemlich plakatives Schwarz und Weiß vorherrschend.

Die melodramatische Liebesgeschichte und der Erzählstrang mit dem jungen Lukas Hollbach, der sich natürlich prompt ausgerechnet in die Frau verlieben muss, die mit seiner eigenen Familiengeschichte zu tun hat, machen das Buch zu guter Unterhaltung zwischendurch; die interessanten Details über die Insel und ein blutiges Stück ihrer Geschichte lohnen die Lektüre aber auf jeden Fall.

Klaus Modick

Klaus Modick, 1951 in Oldenburg geboren, wurde für sein umfangreiches Werk mehrfach ausgezeichnet. Er ist auch als Übersetzer aus dem Englischen aufgetreten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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