Anna Mitgutsch - Familienfest

Originaltitel: Familienfest
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2003
408 Seiten, ISBN: 3442733499

Ein attraktiver Mann war er gewesen, Jospeh Leonduri, gepflegt, von einnehmender Wesensart. Seine levantischen Gesichtszüge haben sich auch über die nächsten Generationen erhalten; und auch seine lebensfrohe, dem Schönen und Genussvollen zugewandte Einstellung hat sich vererbt, wie Edna bei ihren Erzählungen immer wieder betonte. Sie war Josephs Tochter, das letzte seiner Kinder, das noch am Leben war, die einzige, die noch die alten Familiengeschichten aus erster Hand kannte, die wusste, warum Onkel Paul im Gefängnis gesessen hatte, wie er zu seinem Haus in der protestantischen Enklave Bostons gekommen war; sie kannte die Abenteuer, die Joseph in seiner Kindheit und Jugend erlebt hatte. Das Pessach-Fest mit seinen strengen Ritualen war immer auch eine Gelegenheit gewesen, diese Geschichten zu erzählen, und auch diesmal, beim letzten Fest, das in ihrem Haus stattfinden sollte, erzählte Edna, wovon sie hoffte, dass es sie überleben möge.

Aus der Sicht ihres Neffen Marvin ist das zweite Kapitel dieses Buches geschrieben; wieder soll die Familie sich treffen, es ist Thanksgiving, und seit Edna aus dem großen Haus in eine kleine Wohnung gezogen ist, werden die Feste bei Marvin und Carolin ausgerichtet. Dabei ist Marvin nicht mehr nach Familie zumute; er sehnt sich weg, sehnt sich nach Tamara, die er bislang nur aus ihren Mails kennt; weg vor allem aber auch aus einem Leben, in dem nichts so gelaufen ist, wie er es geplant hatte. Wenn Jonathan nicht gewesen wäre, wer weiß - ob er dann nicht längst aufgebrochen wäre, oder ob er dann vielleicht in seinem Leben glücklicher wäre, als mit diesem Kind, das nach einem Unfall nie erwachsen werden würde, immer seine Fürsorge brauchte, mit seinem ganzen Überschwang nichts anzufangen wusste.

Etwas mehr als ein Jahr später trifft die Familie sich zu einem traurigen Anlass; Ednas Begräbnis, diesmal aus der Sicht ihrer Großnichte Adina erzählt, die Edna im vergangenen Sommer sehr nahe gekommen war. Auch wenn sie manchmal gelangweilt war davon, immer wieder die alten Familiendramen zu hören; gerade bei diesem Begräbnis begriff sie, wie wichtig es war, um das Heute zu verstehen, das Gestern nicht zu vergessen.

Es ist eine groß angelegte Familiengeschichte mit einer Vielzahl von Namen und Lebensentwürfen, aus denen drei gründlicher beleuchtet werden; fast ein ganzes Jahrhundert umfasst die Zeitspanne, und doch spielen die großen Ereignisse der Weltgeschichte nur eine recht untergeordnete Rolle. Wichtiger ist für die jüdische Familie das Ankommen in der neuen Heimat, die Anpassung, der Wunsch, integriert zu werden; die amerikanischen Vornamen der Kinder sind dafür ein äußeres Zeichen. Verschmelzen und doch die ursprüngliche Eigenart bewahren - daran scheitern sie alle auf die eine oder andere Weise.

Besonders begeistert hat mich die Sprache der Autorin. Die Ausgangslage, eine Familienchronik anhand dreier Tage zu erzählen, mit Protagonisten, die gleichzeitig erzählen und sich erinnern, ist nicht neu; doch Anna Mitgutsch meistert diese Form so grandios, dass ich immer wieder innehalten musste, um das kunstvolle Fließen aus Vergangenheit und Gegenwart zu bewundern. Gerade im ersten und besten Teil, mit Edna als Erzählerin, wirkt nichts aufgesetzt, so sehr die Geschichte auch zwischen den Zeiten mäandert, sie wirkt wie aus einem Guss.

Die Autorin hatte schon in früheren Büchern gezeigt, dass sie mit schwierigen Themen wie Behinderung und Ausgrenzung einen sehr unsentimentalen und dabei offenen Blick zu werfen versteht; diese Leitthemen finden sich auch hier wieder. Bei ihr wird Familiengeschichte nicht in ein sentimentales Licht getaucht, auch wenn Joseph, der Sippenvater, mittlerweile zu einer verklärten Sagengestalt wird. Gerade das Nähe-Distanz-Verhältnis der einzelnen Familienmitglieder untereinander, die sich in weiten Teilen gar nicht mehr verbunden fühlen und doch in das Netzwerk eingebunden sind wird jeder, der selbst mit einer größeren Anzahl von Verwandten zu tun hat, kennen.

Nichts in diesem Buch ist spektakulär; sogar der Mord an Adinas Freundin wird nicht reißerisch geschildert. Es geht bei Anna Mitgutsch um die kleinen Geschichten, um ganz alltägliche Menschen, mit ihrem kleinen besonderen Talent, das nicht ausreicht, sie zu Künstlern zu machen, aber genug ist, ihnen immer vor Augen zu halten, was sie alles nicht erreichen können.

Mich hat dieses Buch begeistert; Anna Mitgutsch ist für mich die wichtigste zeitgenössische österreichische Schriftstellerin, deren Werk noch viel zu wenig bekannt ist. Eine Entdeckung!

Anna Mitgutsch

Waltraud Anna Mitgutsch wurde 1948 in Linz geboren und lebt dort. Sie unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an zahlreichen ausländischen Universitäten, lebte und arbeitete viele Jahre in den USA und lebt seit einigen Jahren abwechselnd in Linz und Boston.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©06.09.2003 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing