David Mitchell - Chaos

Originaltitel: Ghostwritten
Roman. Rowohlt Verlag 2004
592 Seiten, ISBN: 349924120X

Was verbindet ein Mitglied der Aum-Sekte, das den Giftgasanschlag in der UBahn mitzuverantworten hatte mit einem Börsenmakler in Hongkong, einer alten Frau, die eine Teehütte an einem heiligen Berg in China bewirtschaftet, einem dänischer Rucksacktourist, eine russische Museumsaufseherin, einem britischer Ghostwriter und einem New Yorker Radiomoderator - außer, dass ihnen allen ein Kapitel in diesem Buch gewidmet ist?

Es macht einen großen Teil des Reizes dieses Buches aus, diese Verbindungen aufzuspüren. Immer stärker ergreift einem beim Lesen des Buches das Gefühl, dass die Welt tatsächlich ein Dorf ist, und Geschehnisse weit weit weg auch unser eigenes Leben stark beeinflussen.

Und so begegnen uns die kruden Theorien des Gurus der AUM-Sekte, seiner Luzidität, zuerst als Mantra, dass der Sektenanhänger in Oklahoma als Schutzschild vor sich her trägt, und dann wieder als typisches New-Age-Geschwätz einer Imbiss-Besucherin in London. Der junge Mann, der sein ganzes Vermögen an die Gemeinschaft abgegeben hat und sich durch den Auftrag, das Giftgas in der UBahn zu deponieren ausgezeichnet fühlte, kommt trotz der Fernsehnachrichten über das weitere Schicksal seiner Mitbrüder nicht ins Wanken. Ein klein wenig verwundert es ihn zwar, dass der Guru trotz seiner Fähigkeiten einfach so festgenommen werden kann, doch ist es für ihn ein weiteres Zeichen für die manchmal schwer verständlichen Pläne, die Welt zu einem reineren Ort zu machen.

Dass der jugendliche Held in Tokio ausgerechnet in einem kleinen Jazz-Plattenladen arbeitet ist sicher kein Zufall sondern eine Anspielung auf Haruki Murakami; auch die Art der Erzählung, die süße Liebesgeschichte, hätte vom japanischen Kultautor stammen können, wenn da auch etwas mehr Rätsel enthalten gewesen wäre.

Dieser seiner Liebe reist der junge Mann nach Hongkong nach; und hier wird der Leser mit einem völlig anderen Stil konfrontiert, wir begegnen nun einem britischen Börsenmakler, der von seiner Frau verlassen wurde, weil die Beziehung den unerfüllten Kinderwunsch und das Gefühl des Spukens in der Wohnung nicht überstanden hatte; mittlerweile hat er ein Verhältnis mit der chinesischen Putzfrau und ist in illegale Machenschaften um ein bestimmtes Konto verwickelt, das gerade überprüft wird...

Egal, welches politische Regime gerade an der Macht war: wenn sie erst die Teehütte am heiligen Berg besuchten, endet es mit Übergriffen auf erst das Mädchen, dann die Frau, die die Hütte bewirtschaftet - und mit einer Zerstörung der schlichten Unterkunft. Vor den schlimmsten Überfällen fühlt sich die Frau durch eine stimme aus dem Baum geschützt; aber was sie all die Jahre am meisten wünscht, ist, ihre Tochter noch einmal zu sehen, die mit anderen Verwandten nach Hongkong ausgewandert ist. Die Enkelin putzt in den Wohnungen der weißen Börsenmakler...

Ein paar Rucksacktouristen, die durch die Mongolei ziehen, sind der harmlose Einstieg in eine Erzählung über Seelenwanderungen und die Suche nach dem Ursprung dieses körperlosen Etwas, das sich auf der Suche auch eines skrupellosen KGB-Offiziers bedient.

Wie diese Geschichten dann auch noch mit Kunstdiebstählen in der Eremitage in St. Petersburg in Verbindung kommen, was ein alternder Kommunist und seine Autobiographie für eine Rolle spielen, und wie eine irische Wissenschaftlerin weitere Lücken im Kreis schließt, und was das alles dann noch mit einer nächtlichen Radioshow zu tun hat, das soll selbst lesen, wer sich auf diese Geschichte einlassen will.

All jenen, die einen konventionell erzählten Roman bevorzugen, würde ich dieses Buch nicht empfehlen; die lose verknüpften Episoden, die sich stilistisch möglichst eng an die erzählte Situation anpassen, haben mir vom Aufbau her zwar sehr gut gefallen, auch das Selbstreflexive daran hat mich gut unterhalten. Insgesamt wurde mir aber vieles an diesem Buch einfach zu phantastisch, zu abgedreht; die Seelenwanderungen zum Beispiel oder viele Kommentare des Zoowärters im Nachtradio haben bei mir eher Desinteresse hervorgerufen, was sicher auch mit meiner generellen Abneigung gegen Science Fiction oder Fantasy zu tun hat.

Allgemein hat der Autor mich gerade in den Kapiteln, die aus Frauensicht geschildert werden, nicht überzeugt; während auch beim schon recht durchgeknallten Sektenmitglied immer noch verhältnismäßig logisch nachvollziehbare Gedankengänge vorherrschten, scheint Mitchell davon auszugehen dass Frauen permanent auf sehr chaotische, extrem emotionale (und leider oft genug auch noch naiv-dumme) Weise von Gedankenströmen geradezu heimgesucht werden. Das hat mich überhaupt nicht überzeugt; die einzige Frau, der Mitchell eine klarere Struktur zugestand war Mo, die Wissenschaftlerin.

Viele der gesponnenen Fäden wurden zwar wieder aufgenommen und gegen Ende hin noch lose verknüpft; die Geschichten, die mich am meisten interessiert hätten, blieben aber im Dunkeln.

Ein Buch mit einigen netten Gedankengängen, einer Menge literarischer Anspielungen und einem beklemmenden Endzeitszenario - nach meiner anfänglichen Begeisterung hat sich meine Lesefreude zum Abschlussurteil "befriedigend" gewandelt.

David Mitchell

David Mitchell wurde 1969 in Southport, Lancaster, geboren, promovierte in Komparatistik an der University of Kent, lebte dann ein Jahr in Sizilien und zog nach Japan, wo er heute an der Universität von Hiroshima unterrichtet. Er gehört zu jenen polyglotten jungen britischen autoren, deren Thema nichts weniger als die Welt ist. Für sein Werk wurde er unter anderem mit dem Llewelyn Rhys Prize ausgezeichnet. "Chaos" ist sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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