Rohinton Mistry - Das Gleichgewicht der Welt

Originaltitel: A Fine Balance
Roman. S. Fischer Verlag 1999
860 Seiten, ISBN: 359614583X

Der Wunsch nach Unabhängigkeit und Arbeit bringen sie an diesem Tag 1975 alle zusammen: Dina, die verwitwete Parsin, den Studenten Maneck, der ihr Untermieter werden soll, und Ishvar und sein Neffe Om, zwei Schneider, die aus dem Dorf aufgebrochen sind, nun in der Stadt ihr Glück zu versuchen.

Nach dem Tod ihrer Eltern war Dina von ihrem Bruder genötigt worden, die Schule zu verlassen; er wollte sie noch gut verheiraten und dachte, diese Last dann los zu sein. Doch Dina hatte sich nicht für einen der wohlhabenden Bewerber entschieden, sondern einen armen Mann geheiratet, der noch dazu schon nach wenigen Jahren bei einem Unfall starb. Um ihre Unabhängigkeit zu wahren, hatte sie erst als Schneiderarbeiten angefertigt; doch ihre nachlassende Sehkraft zwang sie nun, es auf neuen Wegen zu versuchen.

Ishvar und Om stammten ursprünglich aus der niedrigsten Kaste, den Gerbern. Über Kasten- und Religionsschranken hinweg hatte Ishvars Vater ihn und Oms Vater zu einem Moslem in die Schneiderlehre gegeben; diese Freundschaft hatte die Unruhen und Abspaltung Pakistans überdauert. Nun aber ließen die stetig mehr werdenden Konfektionsgeschäfte nicht mehr genug Arbeit für drei übrig, und so waren die beiden in der sicheren Gewissheit nach Bombay aufgebrochen, hier in wenigen Jahren genug Wohlstand angehäuft zu haben, um zurückkehren zu können.

Die Realität sieht anders aus. Sie werden von Dina nach Stücklohn bezahlt; ihre Einkünfte reichen nicht, um in dieser überbordenden Stadt eine Wohnung finden zu können, so werden sie ebenfalls Einwohner der Slums - auch hier ist das Wohnen bei weitem nicht kostenlos.

Den Ausnahmezustand, der von Indira Gandhi verhängt wurde, bekommen entsprechend auch sie am härtesten zu spüren: sie werden zwangsweise zu politischen Kundgebungen gekarrt, ihre Behausung im Slum wird dem Erdboden plattgemacht, sie müssen auf der Straße in Hauseingängen hausen und permanent befürchten, von der Polizei aufgegriffen und zur Zwangsarbeit verdonnert zu werden..

Noch mehr von dieser Geschichte zu verraten hieße, das Lesevergnügen zu schmälern - wobei das Wort "Vergnügen" bei diesem Buch sicher ambivalente Gefühle hinterlässt. Zu schockierend und aufwühlend ist es oft, was hier erzählt wird, zu sehr leidet man darunter, dass viele der geschilderten Gegebenheiten wahrscheinlich in ähnlicher Form tatsächlich stattgefunden haben.

Besonders angesprochen hatte mich auch die Art, wie das Selbstverständnis der jeweiligen Protagonisten eineinandergreift; wie Dina erst sehr langsam eine Art Gleichgewicht zu ihren Schneidern aufbaut, sich nicht mehr so selbstverständlich überlegen fühlt. um nur ein Beispiel zu nennen.

Dieses Buch zählt nicht nur zu meinen persönlichen Top-Titeln 2004, es ist ein besonderes Buch, das mich noch lange beschäftigen wird.

Rohinton Mistry

Rohinton Mistry, 1952 in Bombay geboren, wanderte 1975 nach Kanada aus, wo er bei einer Bank arbeitete, 1983 begann er ein Studium. Heute lebt er als Schriftsteller in der Nähe von Toronto. 1991 veröffentlichte er seinen ersten Roman "So eine lange Reise", der mit dem Commonwealth Writer Prize ausgezeichnet wurde. "Das Gleichgewicht der Welt" wurde mit dem kanadischen Staatspreis - dem Giller Award bedacht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©25.04.2004 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing