Yukio Mishima - Geständnis einer Maske

Originaltitel: Kamen No Kokuhaku
Roman. Suhrkamp Verlag 1949
151 Seiten, ISBN: 3499156520

Wie merkt, wie erlebt man selbst, dass man anders ist als die Menschen, die einen umgeben? Wann spürt man, dass das Begehren, das man selbst empfindet, von der Umwelt nicht als natürlich angesehen wird? Yukio Mishima erzählt hier in einem autobiographisch gefärbten, sensiblen Roman von der Entdeckung der eigenen Homosexualität.

Geboren 1925, wächst der Erzähler hauptsächlich in den Räumen seiner Großmutter auf, die ihn schon kurz nach seiner Geburt für sich beansprucht. Ihr Krankenzimmer, ihr ewiges Leiden färbt ab; auch er selbst ist von Kind an schwächlich, leidet an Selbsttoxikation. Da die Großmutter Lärm nicht ertrug und ihm zudem verboten hatte, mit den Nachbarsjungen zu spielen, bleibt er die meiste Zeit für sich - und mit seinen Büchern. Prinzen, die einen Heldentod sterben, möglichst blutig und grausam gemetzelt werden faszinieren ihn; nie ist es die Prinzessin, die seine Phantasie anregt. Dass seine Faszination für Verkleidungen und Rollenspiele von seiner Umwelt kritisch betrachtet wird, merkt er früh; und hier lernt er auch zuerst, seine Interessen, seine Neigungen zu verstecken.

So baut er für sich eine Maske auf, versteckt, was ihn interessiert. Und versteckt auch das Gefühl, das er für einen seiner Schulkameraden entwickelt. Dieser ist bereits älter als seine Kameraden, wegen "schlimmer Dinge" aus dem Internat geworfen worden; und er ist bereits ein Mann. Mit einem muskulösen Oberkörper, Achselhaaren und diesem typischen Geruch. Seit dieser Zeit kann der Erzähler kein Begehren mehr für einen Menschen empfinden, der ihn intellektuell anspricht; Körper muss es sein, animalisch und wild. So sind auch seine Träume; nach wie vor blutig und grausam erregend.

Aber die Selbstverleugnung geht weit; auch wenn ihn Frauen nicht anziehen, nicht erregen, lügt er sich doch selbst vor, wie alle anderen zu sein, wie alle anderen von ihnen zu träumen. Bis er die Schwester eines Schulkameraden kennen lernt. Es gibt ihm einen Stich, als sie auf ihn zuläuft; und auch er träumt nun von Ehe, Familie, einem ordentlichen Leben. Die Verlobung scheint eine ausgemachte Sache zu sein; aber als er sie küssen muss, merkt er: er kann nicht. Jetzt nicht - und wohl nie.

Ich habe noch nie zuvor so sehr das Gefühl gehabt, nachempfinden zu können, wie es sein kann, die eigene Homosexualität zu entdecken und gleichzeitig zu merken, dass man sie verstecken muss, von nun an eine Maske tragen muss. Man hat Teil an den verwirrenden Gedanken, die den Jungen quälen, leidet und fiebert mit ihm mit.

Aber für mich war das nicht alleine ausschlaggebend für die Faszination, die von diesem Buch ausging; es ist gleichzeitig auch ein Blick auf Japan in den Kriegsjahren. Was mich sehr überrascht hatte, war zum Beispiel die starke Fokussierung auf europäische, amerikanische Literatur, die der Jugendliche zu dieser Zeit gelesen hatte; vielleicht auch erklärbar durch den Beruf des Vaters, der im Auslandsdienst war, aber für mich trotzdem neu.

Auch was hier über die Schule, die militärische Ausrichtung, die im Verlauf des Krieges immer weiter zunahm, erzählt wird, hat mir einen neuen Blick eröffnet. Oder auch die Zeit, die sie alle in einer Fabrik arbeiten mussten, die die Flugzeuge für die Kamikaze-Piloten herstellte. Wie so viele seiner Kameraden dachte auch der Erzähler in jener Zeit nur, dass er ohnehin einen frühen Tod - wenn möglich einen Heldentod - sterben würde; Gedanken an ein Leben über 20 Jahren wirkten ihnen befremdlich. Wenn man die vielen Notizen, Gedankensplitter über Freitod liest, verwundert es auch nicht, dass der Autor 1970 öffentlich angekündigten Harakiri beging.

Ein Buch, das mich in sehr vieler Hinsicht bereichert hat!

Yukio Mishima

Yukio Mishima, geboren am 14. Januar 1925 in Tokio, studierte an der Universität seiner Heimatstadt Jura, ehe er 1947 Finanzbeamter wurde. Doch gab er seine Stellung bereits nach acht Monaten auf, um sich ganz seinen literarischen Arbeiten zu widmen. Schon 1948 erschien sein erstes Prosawerk. Es folgten Theaterstücke, Romane, Reiseberichte und über fünfzig short stories. Zwischen 1950 und 1955 entstanden seine "No-Spiele". In ihnen erweckte Mishima eine uralte Form japanischen Theaters zu neuem Leben. Westliche Einflüsse und asiatische Traditionen verbanden sich unter seiner stilsicheren Hand zu neuartigen poetisch-dramatischen Szenen. Mishimas Kunst fand internationale Bewunderung. Doch der zunehmend nationalistisch-konservative Impetus seiner Werke und die öffentliche Inszenierung seines eigenen Lebens machten den Dichter zu einer politisch umstrittenen Erscheinung. Er wurde sich "im Laufe seines Lebens selbst zum Kunstwerk, das er vollendet, indem er sich selbst mit 45 Jahren entleibt" (Wolfram Schütte): Am 25. November 1970 nahm er sich durch öffentlich angekündigtes Harakiri das Leben. Der amerikanische Filmemacher Paul Schrader widmete dem bedeutenden Dichter mit seinem 1985 in Cannes uraufgeführten Film "Mishima" eine Hommage.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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