Yukio Mishima - Liebesdurst

Originaltitel: Ai no kawaki
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
227 Seiten, ISBN: 3518399098

Etsuko hatte den weiten Weg nach Osaka auf sich genommen, nur um Socken zu kaufen. Zwei ganz einfache Paar Socken, sonst nichts. Und die Vorstellung, sie am nächsten Tag verschenken zu können, versüßte ihr die Nacht, und ließ sie auch die Berührungen ihres Schwiegervaters Yakichi leichter ertragen.

Nach dem Tod ihres Mannes war sie Yakichis Einladung gefolgt und lebte seither als seine Mätresse in der Großfamilie und gab speziell ihrem Schwager und seiner Frau viel Anlass zu spöttischen Kommentaren.

Als Etsukos Mann verbrannt wurde, wäre sie am liebsten mit ihm mitverbrannt worden. Nicht, weil sie sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte, sondern weil er schon wieder, wie zu Lebzeiten, von ihr weglief, sie alleine zurückließ. Mit ihm, so hoffte sie aber, hatte sie auch ihre brennende Eifersucht begraben, und an der Seite Yakichis war Eifersucht auch ein absurder Gedanke.

Doch dann fällt ihr eines Tages auf, wie kräftig und männlich der Gärtnerjunge, Saburo, eigentlich ist... und die Eifersucht ist wieder da. Für ihn kauft sie die Socken, die sie tags darauf im Müll wieder findet, ihn kann sie kaum ansehen und versucht doch, ihre Besessenheit zu verbergen, und er ist bis zuletzt der einzige, der nicht merkt, welche Gefühle sie ihm entgegenbringt...

So seltsam und fremd uns im heutigen Europa die hier geschilderten Lebensumstände kurz nach dem Krieg in Japan auch sein mögen - die geschilderten Gefühle sind von einer Intensität und auf eine Art und Weise geschildert, die das Buch nach wie vor absolut lesenswert machen.

Etsuko leidet unter heftiger Eifersucht. Erst wird sie von ihrem Mann betrogen, muss mit ansehen, wie er auch auf dem Totenbett noch Besuch von den Frauen erhält, mit denen er sie betrogen hat. Doch als sie sich dann in Saburo verliebt, weiß der noch nicht einmal von ihrer Liebe, und muss doch unter ihrer irrationalen Eifersucht leiden. Dieser Wahn, er würde ihr absichtlich Schmerzen zufügen, ist in aller Leidenschaft im Text spürbar.

Sehr spannend ist auch das Zusammenspiel der Familie; Etsukos Schwager bleibt die Schwärmerei nicht lange verborgen, doch mit der ihm eigenen Trägheit lästert er nur mit seiner Frau darüber und schürt das Feuer noch, weil er damit seinem Vater eins auswischen kann. Aber auch Yakichi merkt, dass etwas nicht stimmt, liest ihr Tagebuch - das sie allerdings schreibt, um sich selbst zu belügen, in der Hoffnung, eines Tages glauben zu können, was sie schreibt.

Mishimas Stärke ist aber vor allem, Szenen zu schildern, die in elementarer Wucht die Protagonisten zu einer Körperlichkeit treiben, die sie sonst nicht leben.

Der Autor gilt als einer der Wegbereiter der Verbindung klassischer japanischer Literatur mit modernen westlichen Einflüssen; das macht seine Bücher für uns hier auch so lesbar.

Eine unbedingte Empfehlung für alle, die gerne von einem Buch bis an die Grenze schmerzhafter Emotionen geführt werden.

Yukio Mishima

Yukio Mishima, geboren am 14. Januar 1925 in Tokio, studierte an der Universität seiner Heimatstadt Jura, ehe er 1947 Finanzbeamter wurde. Doch gab er seine Stellung bereits nach acht Monaten auf, um sich ganz seinen literarischen Arbeiten zu widmen. Schon 1948 erschien sein erstes Prosawerk. Es folgten Theaterstücke, Romane, Reiseberichte und über fünfzig short stories. Zwischen 1950 und 1955 entstanden seine "No-Spiele". In ihnen erweckte Mishima eine uralte Form japanischen Theaters zu neuem Leben. Westliche Einflüsse und asiatische Traditionen verbanden sich unter seiner stilsicheren Hand zu neuartigen poetisch-dramatischen Szenen. Mishimas Kunst fand internationale Bewunderung. Doch der zunehmend nationalistisch-konservative Impetus seiner Werke und die öffentliche Inszenierung seines eigenen Lebens machten den Dichter zu einer politisch umstrittenen Erscheinung. Er wurde sich "im Laufe seines Lebens selbst zum Kunstwerk, das er vollendet, indem er sich selbst mit 45 Jahren entleibt" (Wolfram Schütte): Am 25. November 1970 nahm er sich durch öffentlich angekündigtes Harakiri das Leben. Der amerikanische Filmemacher Paul Schrader widmete dem bedeutenden Dichter mit seinem 1985 in Cannes uraufgeführten Film "Mishima" eine Hommage.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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