Magnus Mills - Indien kann warten

Originaltitel: All Quiet on the Orient Express
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
229 Seiten, ISBN: 3518413244

Nach der Arbeit in der Fabrik erst noch ein paar Wochen in England verbringen, und dann auf dem Landweg mit dem Motorrad nach Indien - so lautet sein Plan.

Ein wenig Regen nur, und schon ist der Campingplatz wie ausgestorben. Gut, es ist Ende der Saison; dennoch hat er vor, noch eine Woche zu bleiben, und jetzt ohne Touristen die Landschaft zu genießen. Das erstaunt auch Mr. Parker, den Campingplatzbesitzer; was er denn gearbeitet hätte? Soso. Dann könne er ja wohl mit Pinsel und Farbe umgehen; ob er nicht Lust hätte, ein Tor für ihn zu streichen? Dafür würde ihm die restliche Platzmiete erlassen.

Nun gut. Zeit hatte er, und eigentlich war es auch gar nicht so schlecht, ein wenig zu arbeiten - also nahm er das Angebot an.

Um dann abends im Pub festzustellen, dass er in dem kleinen Dorf wohl doch mehr Aufsehen erregt hatte, als er sich vorstellen konnte; schließlich war man hier doch an Touristen gewöhnt?

Aber nun, wo die Dorfbewohner wieder unter sich sind, nehmen sie auch ihre Lokalitäten wieder in Besitz; und die Dartsaison beginnt aufs Neue. Ehe er es sich versieht, ist er Mitglied im Dartclub, spielt bei einem Tournier mit - und lernt die attraktive Teamchefin des gegnerischen Teams natürlich erst kennen, als er sicher weiß, dass er am nächsten Morgen abreisen will.

Denn nachdem er nun eine Woche mit den verschiedensten Tätigkeiten - nur nicht die Motorradtouren, die ihm eigentlich vorgeschwebt hatten - verbracht hatte, war es an der Zeit, weiterzuziehen. Und zwar, bevor der Regen so heftig würde, dass es nicht mehr ratsam war, loszufahren...

Tja, ob der Erzähler noch bis Indien kommt? Das sei noch nicht verraten. Aber es ist herrlich zu lesen, wie aus einer kleinen Gefälligkeit ein Fulltime-Job wird, und wie er trotz aller Arbeit nie eine Geldmünze in Händen hält. Gut, so, wie das Leben hier beschrieben wird, braucht man auch kein Geld, denn alles scheint auf Gefälligkeiten untereinander hinauszulaufen; du reparierst meinen LKW, dafür schneide ich dein Holz, und auch im Pub braucht er schon nach ganz kurzer Zeit nicht mehr zu bezahlen - wie auch im Lebensmittelladen.

Die verschrobenen Charaktere dieser Landbevölkerung wachsen einem wirklich ans Herz; der Mann, der ständig mit einer Weihnachtskrone herumläuft ebenso wie der geschäftstüchtige Mr. Parker und seine Tochter, die plötzlich eine ideale Möglichkeit gefunden hat, die lästigen Hausaufgaben erledigt zu kriegen.

So richtig böse wird es dann allerdings erst am Ende des Buches, als ihm der Nutznießer des Systems präsentiert wird...

Ein Buch, mit dem man sich im Liegestuhl zurücklehnt und mit Genuss mitverfolgt, welche neuen Aufgaben Mr. Parker für seinen idealen Gast noch einfallen…

Magnus Mills

Magnus Mills, 1954 geboren, lebt in London. Im Suhrkamp Verlag erschien sein erster Roman "Die Herren der Zäune", ein dritter ist in Vorbereitung. "Indien kann warten" wurde in zehn Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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