Andrew Miller - Die Gabe des Schmerzes

Originaltitel: Ingenious Pain
Roman. Rowohlt Verlag 1997
397 Seiten, ISBN: 3499231867

Ende des 18. Jahrhunderts sezieren zwei Männer in einem Pferdestall eine Leiche - auf der Suche nach irgendeinem Merkmal, anhand dessen man die seltsame Gabe des Toten feststellen könnte.

James Dyer heißt dieser Mann, und war vor seinem Tod ein berühmter Wundarzt, der sogar die russische Kaiserin gesehen hatte. Doch seine letzten Jahre hatte er nur noch als Gast, als Kranker in der Pfarrei des Referends zugebracht, den er in Russland kennengelernt hatte.

In Russland war es auch, dass seine Verwandlung stattfand, dass der kaltblütige, unerschrockene Arzt zu dem wurde, der er bis zuletzt blieb.

Schon seine Geburt war mit einem Rätsel verbunden; der Fremde, der seine Mutter auf dem Eis in eine dunkle Ecke lockte; die schwere Geburt, die der Mutter fast das Leben kostete. Und dann war da so ein seltsames Kind; schrie nicht, sprach auch später nicht, erduldete stoisch alle Stürze und Puffe, die in einem kinderreichen Haushalt nun einmal üblich sind. Auch als er von einem Baum fiel und sein Bein brach, jammerte er nicht - und langsam konnte seine Umgebung nicht mehr umhin, das offensichtliche zu bemerken: James verspürte keinen Schmerz. Und zwar nicht nur körperlich, sondern auch seelisch: als kurz darauf fast die ganze Familie an Blattern starb, der Vater sich umbrachte, bekümmerte es ihn nur wenig.

Seine Gabe kam einem Schausteller nur recht, der an ihm die Wirksamkeit eines Schmerzmittels demonstrierte; mit ihm gemeinsam zog er durch die Städte, bis er von einem anderen Mann entführt wurde. Ihm war es gleich; auch dieser neue Mensch in seinem Leben war an der Absonderlichketi seiner Gabe interessiert. Jahre bei der See, in London, und schließlich als Wundarzt in Bath führten zu dem schicksalhaften Wettrennen der Ärzte nach Russland, um die Kaiserin gegen Pocken zu impfen. Und auf dieser Reise sollte James Dyer endlich lernen, was es heißt, zu leben...

Auf dem Klappentext wird der Roman mit Patrick Süskinds "Parfum" verglichen; hier wie dort geht es um einen Jungen, einen Mann, dem von Geburt an ein Makel anhaftet, den man optisch nicht festmachen kann.

James Dyers Mangel an Schmerzempfinden macht ihn auch emotional gefühllos; er empfindet weder Recht noch Unrecht, keine Solidarität, Liebe, keinen Verlust. Das macht ihn in Krisenzeiten als Arzt zwar unerschrocken und gut, doch fehlt ihm zum wirklich guten Arzt, zum Heiler, die Empathie.

Aber anders als bei Süskind, wo mich der Mangel an Eigengeruch von der ersten Seite an als logisch und nachvollziehbar gefesselt hat, fehlt hier die letzte Konsequenz, die diesen Mangel überzeugend macht.

Dazu kommt, dass ich die Geschichte auch nicht wirklich spannend erzählt fand; erst quält man sich durch fast 80 Seiten über Dyers Leben in der Pfarrei, bis dann die Vorgeschichte beginnt und man seinen Werdegang von der Geburt weg mitverfolgen kann. Das ist auch der stärkste Teil des Buches; die Entdeckung der Schmerzunempfindlichkeit, die seltsame Unbeteiligtheit des Kindes, seine Intelligenz, das las sich spannend und interessant.

Mit den Monströsitätenschauen flachte die Geschichte dann deutlich ab, und die Briefe, die über Dyers Jahre auf See berichteten, haben mich schon stilistisch überhaupt nicht angesprochen. Etwas Spannung kommt nochmals auf, als James in die Praxis von Mr. Munroe einsteigt, den er auf See kennen gelernt hatte; hier gewinnt die Geschichte nochmal an Tiefe, an Fahrt - und der Leser wartet auf den Höhepunkt, der in den ersten Kapiteln ja schon angekündigt wurde: die spektakuläre Heilung von seiner Schmerzunempfindlichkeit in den Wäldern Russlands. Mich hat diese Auflösung dann aber überhaupt nicht überzeugt, und ich habe die letzten Seiten ziemlich gelangweilt gelesen.

An sich eine nette Idee, aber in meinen Augen nicht konsequent umgesetzt. Dazu noch ein historischer Roman, wofür ich ohnehin kein besonderes Faible habe - kein Buch, das mich in Begeisterungsstürme versetzt.

Andrew Miller

Andrew Miller, 1960 in Bath geboren, arbeitete als Kellner, Reiseführer und Kampfsportlehrer. Er lebt in Dublin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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