Michael Wallner - Kälps Himmelfahrt

Originaltitel:
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2010
224 Seiten, ISBN: 3630873057

Es ist Winter, kurz vor Weihnachten. Eine dunkle, bitterkalte Zeit, zumal hier in dem kleinen Weiler in den Bergen, in dem Kälp sich vor etlichen Jahren als Tierarzt niedergelassen hat. Eigentlich war es ja sein Bruder, der gesuchte Theologe und Frauenheld, der auf diesen Ort aufgrund der Nähe zum Kloster aufmerksam geworden war und Kälp zum Kauf eines halben Bauernhofs bewogen hatte. Doch während der Bruder immer wieder in die Welt aufbrach und letztlich dort auch starb, war er, Kälp, geblieben.

Es ist ein einsames Leben, das er führt. Er hat seine Tiere, er kommt mit den Menschen der Region gut aus, seine Kompetenz als Tierarzt wird nicht angezweifelt. Wann immer ihn die Last der Welt zu erdrücken scheint, kann er im Kloster Trost und Zuspruch finden. Alles geregelt also - ein Leben, wie es bleiben könnte.

Doch an jenem Abend, als Kälp auf die neue Mieterin der Ferienwohnung nebenan aufmerksam wurde, war schon nicht mehr alles, wie es sein sollte. Aber davon ist erst später die Rede. Erstmal ist Kälp fasziniert von dieser Urlauberin, die in enger chicer Kleidung hier deutlich auffällt - und ihr Zigarettenkonsum, ihre raue, herrische Stimme, tun ihr übriges.

Kälp fühlt sich ganz gegen seinen Willen von dieser Frau angezogen, die bei aller Präsenz so unnahbar bleibt. Und da sie sich mit Unna, der ehemaligen Verlobten seines Bruders, anfreundet, trifft er häufig genug mit ihr zusammen, um dem Heiß und Kalt ihres Wesens bald machtlos gegenüberzutreten.

Im Dorf allerdings gibt es ganz andere Dinge, über die gesprochen wird: über den gewaltsamen Tod eines Bauern. Dieser, für seine Streitlust und seinen Geiz bekannt, war tot am Fuß der Kellertreppe aufgefunden worden - ein Unfall? Oder doch ein Schubs - aber von wem? Die Spekulationen nehmen kein Ende, zumal dieser wohlhabende Bauer sich vor einigen Jahren eine thailändische Frau bestellt hatte, die nun mit seinem Kind schwanger ist, und es auch noch ein ungeliebtes Kind aus erster Ehe gibt, das mit im Haushalt lebt…

Mehr soll vom Inhalt nicht verraten werden - der aufmerksame Leser wird zwar bereits auf der zweiten Seite aufgeklärt, aber so nebenbei, dass es eher für ein latentes Gefühl der Beunruhigung ausreicht.

Das empfand ich beim Lesen als genial eingefädelt vom Autor. Da er auf diesen einen kleinen Satz nicht mehr zurückkommt, blieb bei mir als Leser nur so viel an Irritation zurück, dass ich das Geschilderte immer wieder in Frage stellte, auf den "Wahrheitsgehalt" abzuklopfen begann. Man wird sensibel gemacht für unterschwellige Stimmungen, für den Unterschied zwischen dem, was auf den ersten Blick so klar erscheint, und dem, was dahinter steckt.

Gerade die ersten Seiten haben mich auch sprachlich sehr gereizt. Eine klare Sprache, gut ausgelotete Stimmungen, ein interessanter Charakter als Hauptfigur - ja, es war ein toller Start. Danach hat meine Begeisterung allerdings nachgelassen - der Autor verliert sich ein wenig in dem, was er eigentlich erzählen möchte, er bleibt an seiner Figur nicht genug dran - und ist die Distanz erst einmal hergestellt, gelingt es kaum mehr, sie nochmal zu überwinden.

Kälps Himmelfahrt ist, auch wenn es einen Toten gibt und die Aufklärung eine wesentliche Rolle spielt, kein Krimi. Es ist auch kein Liebesroman, obwohl Kälps Beziehung zur Urlauberin und zu Unna eine wichtige Komponente darstellen. Es ist für mich vielmehr ein Roman, der von einem Menschen erzählt, dessen Gewissheiten erschüttert werden und der dieses Aufbrechen seiner verkrusteten Seele als sehr schmerzhaft erlebt.

Und so bleibt bei mir, auch wenn ich die Begründung für Kälps Taten sehr nachvollziehbar finde, ein schaler Nachgeschmack zurück. Wie so oft bei Michael Wallner bin ich von Inhaltsangabe und Beginn des Romans sehr angetan, aber letztlich nicht überzeugt.

Michael Wallner

Michael Wallner, 1958 in Graz geboren, war Schauspieler am Wiener Burgtheater und am Schillertheater Berlin, arbeitete als Opern- und Schauspielregisseur ua in Hamburg, Wien, Bern und Düsseldorf. Heute lebt Michael Wallner als Schriftsteller in Berlin und führt gelegentlich Regie am Burgtheater und anderen Bühnen. Sein 2006 erschienener Roman "April in Paris" wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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