Michael Ondaatje - Katzentisch

Originaltitel: Cat´s Table
Roman. Hanser Literatur Verlag 2012
304 Seiten, ISBN: 3446238581

Der Ich-Erzähler dieses Romans, Michael, genannt Mynah, erinnert sich als alter Mann an eine Reise, die er als Elfjähriger unternommen hat: Drei Wochen auf einem Luxusdampfer unterwegs von Ceylon nach England, um dort seine Mutter nach Jahren wieder zu sehen und in England zur Schule zu gehen. Ein großer Schritt, ein Wechsel zwischen verschiedenen Welten, zu einer Zeit, in der man als junger Mensch sich ohnehin im Umbruch befindet. Und: diese Reise sollte er alleine unternehmen, ohne Aufsicht, ohne Bezugsperson.

Eine Art grenzenloser Freiheit auf eng begrenztem Raum, inmitten einer Gesellschaft, die ein buntes Spiegelbild der Gesellschaft darstellt. Es ist eine Reise, die auch der Autor selbst im Alter seines Protagonisten 1954 genau so unternommen hat - und doch ist es kein autobiographischer Roman. Michael Ondaatje selbst erzählte während seiner Lesereise, dass er sich als Erwachsener nur noch verschwommen an diese Reise erinnern konnte, und erst durch die erstaunten Nachfragen seiner Kinder dazu kam, über diesen Teil seines Lebens intensiver nachzudenken.

Aus heutiger Sicht erscheint es völlig unmöglich, ein Kind in diesem Alter eine so lange Reise alleine unternehmen zu lassen - unterwegs zudem zu einer Mutter, die er seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Es zählt entsprechend für mich auch zu den ganz großen Stärken dieses Romans, dass man neben Abenteuern und skurillen Gestalten immer wieder geradezu beiläufig daran erinnert wird, dass das hier keine Abenteuergeschichte ist, kein Heldenroman, sondern von einem Kind die Rede ist, dass seiner Wurzeln beraubt wird und ins Ungewisse unterwegs ist.

Dazu reflektiert der Autor auch immer wieder aus der Sicht eines Erwachsenen, zeigt die Unsicherheiten und Brüche, die seither nicht verheilt sind, nur verdeckt wurden.

Mynah ist nicht alleine auf dem Schiff unterwegs. Er ist einem Tisch zugewiesen, der am weitesten weg steht vom begehrten Kapitänstisch, und voller wenig glamuröser, aber umso interessanterer Gestalten ist. Auch zwei andere Jungen in seinem Alter sind unterwegs nach Europa; gemeinsam nehmen die drei jeden Quadratmeter des Schiffes in Beschlag. Sie nutzen die Rettungsboote, die in ihren Aufhängungen schaukeln, als bequemen Aussichtspunkt, mopsen die Vorräte, sind eingeladen in den Frachtraum und entdecken den botanischen Garten dort, den Hundezwinger, erleben Pokerrunden mit, lassen sich während eines Taifuns auf dem Deck des Schiffes festbinden, als Dieb einspannen... wer Ondaatje kennt, weiß, dass dieser sich mit einer Geschichte nicht zufrieden gibt, seine Welt ist gleichzeitig bunt und bedrohlich.

Das merkt man vor allem auch, wenn man die Geschichte des Sträflings an Bord verfolgt, den die Jungen abends jeweils bei seinen erlaubten Spaziergängen an Bord beobachten. Es ist ein Mann, der berüchtigt ist für seine Ausbruchsversuche. Zwei hochrangige Polizisten sollen ihn angeblich bewachen, die sich hier ganz inkognito aufhalten - ein Fest für Jungs, ihren Spekulationen freien Lauf zu lassen. Sie werden, zumindest am Rande, in diese Aktion auch mit verwickelt, und tragen lange an den Folgen ihres Halbwissens.

Es ist auch ein Buch über Geheimnisse, über Phantasie, darüber, wie belastend es sein kann, die Wahrheit nicht oder erst zu spät zu erfahren. Das Trauma, das jeder der Jungen (und auch, nicht zu vergessen, Mynah´s Cousine) von dieser Reise mit sich herumträgt und das immer nur wie eine dunkle Bedrohung durchschimmert.

Mir hat dieser Roman ausgesprochen gut gefallen. Mit anekdotisch erzählten Romanen habe ich zwar meist meine Schwierigkeiten, bei Ondaatje werde ich über diese Tatsache aber dadurch hinweggetröstet, dass er seine Geschichten auf eine Weise verbindet, die ich als sehr originell empfinde. Zudem ist seine Sprache einfach ein Genuss. Ondaatje ist Lyriker, das merkt man auch seiner Prosa an, seine Sprache lässt sich wunderbar vorlesen, sie erzeugt mit beiläufiger Leichtigkeit Bilder im Auge des Lesers. Man kann Ondaatjes Roman aber auch als einen Abenteuerroman lesen, als eine Passage in die Welt der Erwachsenen, wozu ja schon diese ganze Reise mit Verlassen der einen Welt, Übergangsphase und Selbstfindung bis zur Ankunft in der neuen Welt gut passt.

Vielschichtig, bunt, warmherzig - für mich ein sehr schönes Buch, dem ich noch viele Leser wünsche. (Und für Leser, die Ondaatje vor allem vom "Englischen Patienten" kennen: in meinen Augen kommt er an die Wucht des englischen Patienten trotzdem nicht ganz heran mit seinem neuen Buch.)

Michael Ondaatje

Michael Ondaatje, geboren 1943 in Sri Lanka, ist holländisch- tamilisch- singhalesischer Abstammung. Nach seiner Ausbildung in England ging er 1962 nach Kanada, wo er heute noch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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