Michael Cunningham - In die Nacht hinein

Originaltitel: Olympia / By Nightfall
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2010
320 Seiten, ISBN: 3630873537

Schon zu Beginn des Romans bewegt man sich als Leser auf vertrautem Gebiet: ein Paar Mitte Vierzig, gut situiert, seit mehr als 20 Jahren verheiratet, eine erwachsene Tochter; beruflich sind sie beide gut etabliert, Rebecca betreibt eine Kunstzeitschrift, Peter eine Galerie. Moderne Kunst also beherrscht ihr Leben. Dieses Leben besteht aus "den tausend Dingen", also dem üblichen Kleinkram jeden Tag und den 1000 Mails und Telefonaten, die es zu beantworten gilt, dazu die Parties mit den anderen Reichen und Schönen von New York. Sonntags hat man dann "Zeit für uns" und genießt ein wenig Zweisamkeit, die Zeitung, sonstige Zerstreuungen.

Auch die Nachricht von der Krebserkrankung einer befreundeten Galeristin (für die sogar der heilige Sonntag geopfert wird) wirft Peter nicht wirklich um; immerhin bietet sich ihm damit auch die Chance, einen ihrer Künstler zu übernehmen, dessen Stern gerade am Aufsteigen ist.

Kurzum: ein typisches gehobenes Mittelschichtspaar mit Mittelschichtsproblem(ch)en. Dabei allerdings gerade zu Beginn großartig geschildert; da sitzen Peter und Rebecca im Taxi auf dem Weg zu einer dieser Parties, im Stau, weil ein Pferd angefahren wurde. Was da alles gesagt und dann wieder nicht gesagt, sondern wortlos verstanden oder auch missverstanden ist, ist atmosphärisch sehr dicht und war für mich beim Lesen sehr vielversprechend. Ich mag Beziehungsromane, lese gerne davon, wie ein Paar sich nach so langer Ehe einerseits aneinander gewöhnt, aber auch voneinander entfernt hat.

Um aus dem Trott der Gewohnheit dann ans Hinterfragen, ans Neuordnen des Lebens zu gelangen, bedarf es üblicherweise noch eines äußeren Anlasses. In Cunninghams Roman wird dieser Anlass durch Missy geliefert, Rebeccas sehr viel jüngeren Bruder (der eigentlich Ethan heißt). Missy ist intelligent, schön, charmant - und das schwarze Schaf der Familie, das die Schwestern permanent in Aufregung versetzt, ob er nun wieder Drogen nimmt oder nicht, ob er langsam etwas aus seinem Leben macht, oder weitertingelt wie bisher.

Peter fühlt sich von Missy sehr an Rebecca erinnert, als sie noch jung war. Aber wenn er ehrlich zu sich selbst ist, dann ist da mehr - schon Rebecca hatte ihn an seinen älteren, mittlerweile an Aids verstorbenen Bruder erinnert, und Missy nun verwirrt ihn, stellt seine Gewissheit, heterosexuell zu sein, ernsthaft in Frage. Über seinen Phantastereien und Grübeleien, die ihn auch noch zu einer ersten erotischen Phantasie an die beste Freundin seines Bruders zurückführt, hat Cunningham mich dann auch weitgehend verloren.

Thomas Mann, "Der Tod in Venedig" und der Zauberberg werden pflichtschuldig im Roman eingearbeitet, auf sämtliche Anklänge zum vorliegenden Text wird der Leser von Cunningham vorsorglich hingewiesen, so dass auch wirklich jeder die Anspielungen versteht.

Schon die viele moderne Kunst in diesem Roman habe ich eher pflichtschuldig zur Kenntnis genommen. Dabei waren diese Passagen gut geschrieben, auch für einen Laien auf dem Gebiet wie mich nachvollziehbar und informativ/interessant. Aber ich hatte zu sehr den Eindruck, der Autor will mir etwas vorführen, will mir alles erklären, was ich eigentlich lieber selbst zwischen den Zeilen entdeckt (oder manchmal auch einfach wohlwollend ignoriert) hätte.

Und so dümpelt der Roman dann weiter vor sich hin, Peter Harris (warum nur erinnert dieser mich so fatal an Ed Harris, der den schwulen Schriftsteller in der Verfilmung von "Die Stunden / The Hours" spielte?). Immer seltener wurden die Szenen, die für sich genommen noch eine gewisse Atmosphäre hatten, und am Ende war es eigentlich nur Bea, die Tochter, die am wenigsten Raum einnahm, die mich als Person wirklich interessiert hätte.

Peter Harris ist ein Mann, der die Schönheit verehrt, und wird ausgerechnet mit einer Tochter geschlagen, die diesem einen Ideal niemals entsprechen kann. Ein Thema, das in Anklängen behandelt wird; die Tochter, die die Enttäuschung des Vaters spürt, auch wenn dieser sie sogar vor sich selbst zu verbergen sucht, die Enttäuschung, die Verbitterung, die daraus resultieren. Der Konflikt um Missy hat mich nicht berührt; die Vater-Tochter-Beziehung hätte ich gerne näher beleuchtet gesehen. Aber das war nicht Thema des Autors, insofern bleibt als Fazit wohl nur: 'In die Nacht hinein' wurde nicht für mich geschrieben.

Michael Cunningham

Michael Cunningham wurde 1952 in Cincinnati, Ohio, geboren und wuchs in Pasadena, Kalifornien, auf. Er lebt in New York City. Bisher sind auf deutsch erschienen: Fünf Meilen von Woodstock und Fleisch und Blut. Für Die Stunden erhielt er u.a. den PEN/ Faulkner Award und den Pulitzerpreis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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