Judith Merkle-Riley - Die geheime Mission des Nostradamus

Originaltitel: Master of all Desires
Roman. List Verlag 1999
448 Seiten, ISBN: 3548606539

Im Jahre 1556 gelangt die 22jährige Sibille de la Roque zufällig in den Besitz eines Kastens mit dem „Herrn aller Wünsche“, einem bösartigen lebenden Kopf, der seinem Besitzer jeden Wunsch erfüllt – aber nach eigener Auslegung und um einen hohen Preis.

Nicht nur, daß Sibille das unheilbringende Kästchen nicht mehr los wird, sie gerät auch mitten in die Intrige zwischen Katharina von Medici und Diana von Poitiers um die Gunst Heinrichs II., des Königs von Frankreich. Beide Frauen wollen sich des „Herrn aller Wünsche“ bedienen, um ihre Rivalin auszuschalten.

Der Seher Nostradamus, der um die Gefahren des Kästchens weiß, versucht zu helfen, muß sich dabei aber seines Magierrivalen Cosmo Ruggieri erwehren. Und auch die privaten Verhältnisse Sibilles sind nicht dazu angetan, die Verwicklungen zu verkleinern: Da sind ihr geldgieriger Vater, ihre neidische Schwester Laurette, ein rachelüsterner beinahe-Ehemann, ihr geliebter Nicolas Montvert, der von seinem Vater an einer Verbindung mit Sibille gehindert wird…

Der Roman hinterläßt ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits bietet er eine Menge spannenden Stoff und ist gewohnt gekonnt geschrieben mit einem bodenständigen Humor, der ein angenehmes Gegengewicht zum esoterischen Inhalt schicksalhafter Prophezeiungen und politischer Intrigen bildet und dem Thema damit jedes Pompöse und Schwülstige nimmt.

Außerdem gehört Judith Merkle-Riley zu jenen Autorinnen und Autoren historischer Romane, die aus dem aus unserer Sicht begrenzten Wissen der Menschen vergangener Zeiten nicht auf deren mangelnde Intelligenz schließen, sondern sie mit Witz und Einfallsreichtum ausstatten, die Charaktere damit glaubhaft machen und uns nahebringen.

Andererseits fehlt es der Geschichte an atmosphärischer Dichte, bisweilen wirkt sie episodenhaft, da die einzelnen Motive nicht wirklich ineinander greifen (z.B. die Aneinanderreihung mißglückter Anschläge auf Sibilles Leben oder die beiläufige Aufklärung des Geheimnisses um ihre Geburt), eine relativ häufig vorkommende Folge des Versuchs, ein privates Schicksal mit entscheidenden Stationen der Weltgeschichte verknüpfen zu wollen.

Da die Autorin keinen eindeutigen Schwerpunkt setzt und sich nicht zwischen Sibilles Geschichte und einer Interpretation historischer Ereignisse entscheidet, bleiben zudem viele der Figuren farblos, und auch Sibille ist längst keine solche Sympathieträgerin wie beispielsweise Margaret von Ashbury, die Heldin von Judith Merkle-Rileys Erstlingsromanen „Die Stimme“ und „Die Vision“.

Insgesamt ist „Die geheime Mission des Nostradamus“ amüsant und kurzweilig zu lesen, hinterläßt jedoch keinen bleibenden Eindruck und reicht ganz sicher nicht an die frühen Romane der Autorin heran.

Angemerkt werden muß noch, daß der Verwirrung stiftende Titel mit der werbewirksamen, aber unpassenden Verwendung des Namens Nostradamus, der gleichfalls irreführende Klappentext und der Beginn des Romans mit seiner Konzentration auf die Hofintrigen zwischen Katharina von Medici und Diana von Poitiers eine zwar kleine, aber dennoch irritierende Fehlentscheidung darstellen; es dauert auf diese Weise eine Weile, ehe man Sibille als die eigentliche Protagonistin identifiziert.

Judith Merkle-Riley

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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