Jed Mercurio - OP

Originaltitel: Bodies
Roman. Manhattan 2003
382 Seiten, ISBN: 3442545455

Medizinstudenten, so will es das Klischee, werden von zwei Wünschen angetrieben: entweder eines Tages als Halbgott in Weiß in Geld zu schwimmen, oder aber um den Menschen zu helfen, um zu heilen und Leben zu retten.

Das keiner der beiden Gründe die Studenten darauf vorbereitet, was sie dann tatsächlich im Berufsalltag erwartet, zeigt Jed Mercurio, der selbst Medizin studiert hat, in diesem Buch.

Sein Protagonist beginnt im September mit seinem Assistenzjahr in einem britischen Krankenhaus. "Jagdsaison" wird diese Zeit in Berufskreisen zynisch genannt, weil dann landesweit die Frischlinge ihre ersten echten Erfahrungen im zukünftigen Beruf sammeln.

Dass im Studium die elementarsten Dinge, wie Kanülen setzen, nicht gelehrt wird, wissen alle - aber Zeit, darauf Rücksicht zu nehmen, bleibt nicht. Vom ersten Tag an wird den jungen Assistenzärzten abverlangt, Handlungen auszuführen, die ihnen nicht beigebracht wurden, und Entscheidungen zu treffen, die ihren Kenntnisstand weit übersteigen.

Diese plötzliche Verantwortung fordert ihren Tribut: die Freundin des Protagonisten kann sich bei allem Verständnis nicht in seine Lage versetzen, immer häufiger reden sie aneinander vorbei - wenn sie überhaupt noch reden, denn mit den ganzen Wochenend- und Nachtdiensten bleibt nicht viel Zeit, die gemeinsam verbracht werden kann. Auch die alten Freunde zu treffen hat viel vom früheren Reiz verloren - was zählen schon die neuesten kulturellen Highlights der Stadt, wenn einem gerade eine Patientin unter den Händen weggestorben ist?

Noch dazu, wenn diese Patientin eigentlich nicht hätte sterben müssen. Wenn sie noch eine Chance gehabt hätte - sofern der behandelnde Arzt ein wenig sorgfältiger gewesen wäre, einen Test mehr durchgeführt hätte.

Konsequenzen hat sein Fehler keines. Im Gegenteil. Ihm wird die Gelegenheit gegeben, die Krankenakte entsprechend zu präparieren, dass ihm kein Kunstfehler angehängt werden kann. Seine Karriere ist also nicht gefährdet - aber wie wird man selbst damit fertig?

Dass andere Ärzte sich mit solchen Gedanken nicht belasten wird ihm immer offensichtlicher. Und keiner unternimmt etwas dagegen - weil man kein Nestbeschmutzer sein will. Denn was mit Nestbeschmutzern geschieht, erlebt er noch am eigenen Leib...

Eines steht für mich fest: Nach der Lektüre dieses Buches legt man sich wohl kaum noch vertrauensvoll ins Krankenhaus. Zu stark hat sich der Satz eingeprägt, dass 10 % aller Patienten im Krankenhaus erst richtig krank werden. Und wenn man sich einmal vor Augen führt, wie viele Stunden der behandelnde Arzt im schlimmsten Fall schon an der Arbeit ist, welche ungeheure Verantwortung dabei auf ihm lastet - dann löst sich das Vertrauen darauf, dass die Entscheidungen des Arztes tatsächlich die Besten sind, entschieden nach.

Jed Mercurio verzichtet hier auf heroische Rettungsmaßnahmen, auf erfolgreiche Wiederbelebungsmaßnahmen à la Emergency Room. Statt dessen wird er nicht müde zu betonen, dass das System an allen Ecken und Enden krankt.

Und dabei ist das Buch auch noch richtig spannend! Ich konnte es kaum mehr aus der Hand legen, konnte auch die zum Teil recht eklig-deutlichen Szenen nicht überlesen. Der Aussage "Für Mediziner Pflichtlektüre" kann ich mich aus meiner Sicht nur anschließen.

Jed Mercurio

Jed Mercurio hat Medizin studiert und war als Arzt in einem Krankenhaus angestellt. Er arbeitet heute als Drehbuchautor und Schriftsteller in London. Von ihm stammt die äußerst erfolgreiche britische Fernsehserie "Cardiac Arrest" (Herzstillstand), in der er dem Klischee der Götter in Weiß die harte Realität des Krankenhausalltags entgegensetzte. Dieser dunklen Seite des Berufs hat sich Mercurio in "OP" erneut mit überwältigendem Erfolg zugewandt: Der Roman wurde vom "Guardian" zu einem der besten Debüts des Jahres gewählt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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