Robert Menasse - Vertreibung aus der Hölle

Originaltitel: Vertreibung aus der Hölle
Roman. Suhrkamp Verlag 2003
493 Seiten, ISBN: 3518399934

Fünfundzwanzigjähriges Maturatreffen – was kann man davon schon erwarten? Einen mehr oder weniger langweiligen Abend, die üblichen „was ist denn aus dir geworden“-Gespräche, das eine oder andere nie gehaltene Versprechen, sich bald mal wieder zu treffen... doch so weit sollte es bei Viktor Abravanels Maturatreffen gar nicht erst kommen. Schon nach 20 Minuten löste sich die Versammlung auf – nachdem Viktor seinen Mitschülern die NSDAP-Mitgliedsnummern ihrer Lehrer vorgelesen hatte.

Ausgerechnet der verhasste Religionslehrer Hochbichler war es, der Viktor dazu bewogen hatte, Geschichte zu studieren. Auf einer Romreise der Klasse hielt er ihm einen Vortrag über Viktors Vorfahren, die Familie Abravanel – ein Name, der über die Jahrhunderte immer wieder in den Geschichtsbüchern aufgetaucht war, als eine der führenden jüdischen Familien.

So war es ein Abravanel gewesen, der im 17. Jahrhundert zu Zeiten der Inquisition in Portugal dem Selbstvernichtungsmassaker seiner Glaubensbrüder ein Ende gesetzt hatte, indem er singend über die Leichen hinweg zur Zwangstaufe geschritten war. Zu dieser Zeit hatten die Familienväter, um der unvorstellbaren Prozedur zu entgehen, begonnen, ihre Kinder, ihre Frauen, sich selbst zu erstechen.

Auch Manés Vorfahren hatten sich dieser Zwangstaufe unterzogen, lebten nun unauffällig als Christen wieder in der kleinen Stadt, aus der Manés Vater ursprünglich stammte. Die brennenden Scheiterhaufen in Lissabon hatten die Familie bewogen, wieder aufs Land zu ziehen, in der Hoffnung, der Inquisiton hier zu entgehen.

Aus Mané, Samuel – oder Manoel – Manesseh bin Israel sollte später, nach der Flucht nach Amsterdam, ein Rabbi werden. Doch als Kind war er Antisemit, war mit seinen Freunden dabei, verdächtige Familien nach den typischen Anzeichen jüdischen Verhaltens zu suchen, ohne zu erkennen, dass alle diese Anzeichen bei ihm zu Hause zu finden waren.

Auch Viktor wusste nichts über seine Vorfahren, nichts darüber, dass der Vater 38 mit dem letzten Zug des Kinderhilfswerks nach England gebracht wurde, nichts davon, dass der Großvater mit der Zahnbürste die Straße schrubben musste. Alles was er wusste war, dass er nicht auffallen sollte, und sich trotzdem permanent einer unliebsamen Öffentlichkeit ausgesetzt sah.

Kunstvoll verwebt Robert Menasse die beiden Zeitebenen, lässt in seinem Roman klar werden, dass die Menschheit es bis heute nicht geschafft hat, aus der Geschichte zu lernen. Das zeigt er am Beispiel der Zeitgeschichte gleichwohl wie im Einzelnen; am Beispiel der beiden Kinder, die sich, ohne anfangs ersichtlichen Grund, fremd fühlen in ihrer Welt.

Neben der oft geradezu unheimlich erscheinenden Wiederholung im Geschichtsverlauf war für mich das zweite zentrale Thema dieses Romans der Wunsch nach Regeln, nach Konformität, der auch von denen mit viel Druck ausgelebt wird, die zuvor ebendiesem Druck ausgesetzt waren und ihr Anderssein verstecken mussten.

Dabei schafft der Autor es, trotz des ernsten Themas auch noch mit Humor zu erzählen; er bringt interessante Themen zur Sprache, und er hat es auch geschafft, sogar mich, die ich eine weithin bekannte Aversion gegen historische Romane habe, gerade auch mit dem Teil der Geschichte der im 17. Jahrhundert spielt nachhaltig zu fesseln.

Die anfangs aufgebaute Spannung und Faszination kann Menasse für mich nicht durch das ganze Buch hindurch halten. Je rascher die Zeit fortschreitet, umso weniger nahe fühlte ich mich auch den beiden Protagonisten, umso weniger konnte ich mich in ihre Gedankenwelt einfühlen. Gerade Manés Zeit in Amsterdam hätte ich mir intensiver dargestellt gewünscht, wäre gerne tiefer in seine Gedankenwelt eingestiegen.

Dennoch, insgesamt ein gleichermaßen interessantes wie unterhaltsames, mitreißendes Buch, das ich mit gutem Gewissen weiterempfehlen kann. Besonders freue ich mich in diesem Zusammenhang darauf hinweisen zu können: es gibt also, all meiner Skepsis zum Trotz, doch noch deutschsprachige Autoren, die auch Geschichten erzählen können!

Robert Menasse

Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. Er lebt als Romancier und Essayist in Wien und Amsterdam

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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