Nicol Ljubic - Meeresstille

Originaltitel: Meeresstille
Roman. Hoffmann & Campe 2010
191 Seiten, ISBN: 3455401163

Bevor Robert Ana kennen und lieben lernte hatte er sich, trotz seines kroatischen Vaters, kaum mit den Konflikten der jugoslawischen Staaten auseinandergesetzt. Der Balkankrieg war daheim kaum thematisiert worden, Deutsch war seine Muttersprache und auch die einzige, die er beherrschte.

Und nun also Ana, die Serbin, die in Berlin studierte. Die so liebevoll von ihrem Vater sprach, dem Literaturprofessor, der sie mit Shakespeare großgezogen hatte. Ana, mit der es ihm ernst war, mit der er alles teilen wollte. Vor der er keine Geheimnisse haben wollte. Und auch nicht, dass sie welche habe.

Doch in Anas Geschichte gab es einen Punkt, über den sie nicht mit Robert reden konnte. Und als sie es dann, nach Monaten, auf ihre Weise vielleicht doch versuchte, lief er davon…

Denn an diesem Morgen hatte er entdeckt, dass Anas Vater in Den Haag vor dem Kriegsgericht angeklagt war, sich als Mitarbeiter des Roten Kreuzes ausgegeben zu haben und 42 Menschen in ein zuvor präpariertes Haus gelockt hatte, das dann angezündet worden war während der schrecklichen Massaker in Visegrad.

Konnte er sich so in ihr geirrt haben? Was hieß das für sie, ihren Vater eines so grausamen Verbrechens angeklagt zu wissen? Wie konnte man so einen Menschen noch lieben? Und was sagte das über Ana selbst aus? Welche Bedeutung haben die Taten unserer Eltern für uns, was zählt es, wo wir herkommen?

Auch wenn es in dem Buch ein paar Ungereimtheiten gibt, der Spannungsbogen auf leicht durchschaubare Weise aufgebaut ist: ich habe diesen schmalen Band ausgesprochen gerne gelesen und finde die Fragen, die er aufwirft, wichtig und nachdenkenswert. Wenn schon der Nächste, Liebste von einem abrückt wegen der Sünden der Väter - wie soll es dann gelingen, eine Gesellschaft zu versöhnen, sie die Gräuel vergessen und vor allem vergeben zu lassen?

In den Szenen rund um den Prozess in Den Haag wird allerdings auch klar, wie schwierig es ist, hier Recht zu sprechen, und wie groß auch die Gefahr, vorab zu verurteilen.

Nicol Ljubic

Nicol Ljubic 1971 in Zagreb geboren, ist als Sohn eines Flugzeugtechnikers in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Er lebt in Berlin. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Theodor-Wolff-Preis. Meeresstille ist sein zweiter Roman. Für die Recherche wurde der Autor von der Robert Bosch Stiftung mit einem »Grenzgänger« Stipendium gefördert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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