Robert McLiam Wilson - Eureka Street, Belfast

Originaltitel: Eureka Street
Roman. S. Fischer Verlag 1997
430 Seiten, ISBN: 3596144167

Übersetzung: Christa Schuenke

Jake als zufriedenen, karrierebewussten jungen Mann zu beschreiben wäre Euphemismus. Das war einmal. Damals, als Sarah noch bei ihm wohnte. Damals hatte er gar nicht das Bedürfnis verspürt, zuzuschlagen, zu trinken. Aber Sarah hatte es nicht länger ertragen, in Belfast zu leben, ständig mit Terroranschlägen rechnen zu müssen, überall Gewalt zu begegnen.

Und seit sie weg war, war auch Jake wieder in die alten Gewohnheiten zurückgefallen; ein Job, bei dem es hauptsächlich darauf ankam, im Bedarfsfall schneller und härter zuzuschlagen als der Andere, mit den alten Kumpels in Kneipen rumzuhängen, zu trinken und das eine oder andere Mädchen anzumachen.

Chuckies Alltag sah nicht viel anders aus. Pubs, Alkohol, dummes Geschwätz mit den Freunden, dann nach Hause zur Mutter. In die Eureka Street. Aber dann lernt er zufällig eine Amerikanerin kennen, die sich tatsächlich für ihn, den unattraktiven, übergewichtigen, erfolglosen Chuckie Lorgan zu interessieren scheint.

Das muss seine Chance sein, spürt er. Mit 30 muss ma anfangen, ein Mann zu werden, sein Leben in die Hand zu nehmen. Nur: woher das Startkapital nehmen?

Seine geniale, aber ziemlich absurde Idee bringt ihm tatsächlich ein Ausgangskapital ein; dass es danach so einfach ist, mit den unmöglichsten Ideen Fördergelder einzustreifen, so lange man nur beteuert, katholisch-protestantische Projekte ins Leben zu rufen, hätte er niemals erwartet.

Während Chuckie reich und immer reicher wird, erlebt Jake durch die Begegnung mit einem kleinen Jungen wieder, wie es war, damals auf der Straße aufzuwachsen. Und wie ihn damals seine Pflegeeltern vor dem Schlimmsten bewahrt haben, übernimmt er diese Rolle nun ohne es recht zu wollen bei dem Zwölfjährigen.

Die Tracht Prügel, die ihm der Freund einer Kellnerin, die er eines Abends abgeschleppt hatte, verpasst, wird von einer Freundin von Chuckies Liebster als politischer Akt ausgelegt und entsprechend an alle möglichen Organisationen weitergegeben, mit denen Jake nichts zu tun haben will - und das alles nur, weil der Freund der Kellnerin Polizist war. Und Jake ein Katholik.

Und wieder merken sie, dass es nicht genügt, selbst unpolitisch zu leben, im Freundeskreis keinen Unterschied zu machen, ob Protestant, ob Katholik; in Belfast zu leben heißt, sich mit Politik auseinandersetzen zu müssen.

Die Fülle der Geschichten, Eindrücke und Entwicklungen in diesem Buch zusammenfassen zu wollen ist kaum möglich, wenn man dem Roman gerecht werden will.

Getragen von mal derbem, mal schwarzem Humor ist es doch sehr viel mehr als eine absurd-witzig-tragische Story. Wie Jake langsam Sarahs Verlust zu akzeptieren lernt, Verantwortung übernimmt und auf vielen schmerzhaften Umwegen zu neuem Glück bereit ist, enthält so viel menschliches, berührendes und nachdenklich stimmendes, das man ohne Übertreibung sagen kann: ja, diese leidenschaftliche Liebeserklärung an eine Stadt und ihre Bewohner ist ein besonderes Buch.

Robert McLiam Wilson

Robert McLiam Wilson wurde 1964 in Belfast geboren. Für seinen ersten Roman "Ripley Bogle" wurde er u.a. mit dem David Higham Prize ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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