Patrick McGrath - Dr. Haggards Krankheit

Originaltitel: Dr. Haggards Disease
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2000
256 Seiten, ISBN: 3442726441

Er lebt alleine in einem kleinen Küstenort in Südengland, hat die Praxis eines alten Arztes übernommen und betreut die wenigen, meist ohnehin dem Tod geweihten Patienten, die hier leben. Aber in seinen Gedanken lebt er in der Vergangenheit, als er noch Assistenzarzt an einem der besten Lehrkrankenhäuser Londons war -und als er noch keinen Stock brauchte, um sich fortzubewegen.

Der Besuch eines Piloten stört seine Abgeschiedenheit. Der Krieg hat begonnen, ein Fluggeschwader hat hier Stellung bezogen; und mit ihnen auch dieser eine Pilot, der eines Tages einfach an die Tür des Arztes klopft.

Dieser erkennt ihn sofort. Die ÄHnlichkeit ist einfach zu groß. Der Worte "ich glaube, Sie haben meine Mutter gekannt" hätte es nicht mehr bedurft, um Dr. Haggard klarzumachen, dass hier Frannys Sohn vor ihm steht.

Oh, Franny! Sie war der Grund, warum er hier jetzt einsam vor sich hin lebte, ihretwegen ging er am Stock, war von chronischen Schmerzen geplagt, die er nur mit Morphium betäuben konnte. Sie hatte zwar nicht lange gedauert, die Affäre des Assistenzarztes mit der Frau des Pathologen - aber es war soviel mehr gewesen als nur eine Affäre! Zumindest für ihn - denn Fanny war bei ihrem Mann geblieben, auch nachdem dieser Haggard zur Rede gestellt und zu einer gebrochenen Hüfte verholfen hatte.

Und nun steht also der Sohn vor der Tür, will sich mit ihm über die Mutter unterhalten, etwas mehr über sie erfahren. Eine Aufgabe, der Haggard sich mit Enthusiasmus widmet; und zusätzlich die Aufmerksamkeit, die er der Fanny nicht mehr widmen kann, auf den Sohn überträgt. Immer ähnlicher wird er ihr in seinen Augen; es muss eine seltene Drüsenerkrankung sein, davon ist er überzeugt, die den Jungen immer weiblichere Züge annehmen lässt, seine Haut weicher, seine Stimme höher werden lässt...

Je stärker Haggard sich an seine Phantasien verliert, umso weniger bezweifelt man, dass man einen völlligen Irren vor sich hat. Dem man, das ist schnell klar, nichts, aber auch gar nichts glauben kann. Ein Mann, der dem Schmerz in seiner Hüfte einen Namen gibt - ein amüsantes Detail am Rande. Je weiter die Geschichte fortschreitet, umso weniger kann man glauben, dass es tatsächlich jemals eine Beziehung zu Fanny gegeben hatte, dass seine Besessenheit sich nicht alleine an seiner Phantasie entzündet hatte.

Patrick McGrath weiß, wie er Geschichten erzählen muss. Das Buch liest sich spannend und flüssig - und ließ zumindest bei mir ein tiefes Gefühl des Ekels zurück. Mir war dieser Dr. Haggard, dieses jammernde, wehleidige Häuflein Mensch, ja so von Herzen unsympathisch! Und das ist ein deutliches Indiz dafür, dass es dem Autor gelungen ist, seinem Protagonisten Leben einzuhauchen.

Patrick McGrath

Patrick McGrath wurde 1950 in London als Sohn eines berühmten Gerichtspsychiaters geboren. Er besuchte ein von Jesuiten geleitetes Gymnasium und studierte anschließend Literaturwissenschaft. Nach Jahren in den USA, Kanada sowie auf einer entlegenen Insel im Pazifik lebt er seit 1981 in New York, wo er als freier Autor arbeitet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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