Ian McEwan - Abbitte

Originaltitel: Atonement
Roman. Diogenes 2002
543 Seiten, ISBN: 3257233809

Ein heißer Sommertag 1935 auf dem Anwesen der Familie Tallis. Emily, die Hausherrin, liegt - wie meist - mit Migräne im Bett, ihr Mann ist im Ministerium und wird nicht wirklich zurückerwartet, zu sehr hat man sich an seine Abwesenheit gewöhnt. Cecilia, die älteste Tochter, verbringt ihren ersten Sommer nach dem Studium zu Hause, voller Unruhe, ungewiss, was sie nun mit ihrer Zukunft anfangen solle. Und Briony, das Nesthäkchen, ist fieberhaft damit beschäftigt, ein Theaterstück zu schreiben, das sie zu Ehren des Besuchs ihres Bruders aufführen will. Dazu trifft es sich gut, dass ihre Cousine und die Zwillinge ebenfalls frisch bei ihnen eintreffen und einige Zeit hier wohnen sollen; deren Eltern lassen sich auf spektakuläre Weise scheiden, die Kinder werden abgeschoben.

Voller Leidenschaft beginnt Briony damit, die Rollen aufzuteilen und mit den Proben zu beginnen. Doch nichts läuft so, wie sie es erwartet. Lola, ihre fünfzehnjährige Cousine, beansprucht die Titelrolle für sich; die Zwillinge leiern ihren Text ohne jegliche Intonation runter - kurz: alles beginnt, ihr zu entgleiten. Vor allem Lola schafft es sehr geschickt, sie zu überrumpeln und auszutricksen, manipuliert geschickt mit emotionalen Druckmitteln wie der Tatsache, dass sie und ihre Brüder ja schließlich eine schwere Zeit durchzumachen hätten.

Das ist die Kleine nicht gewöhnt: dass jemand sie austrickst, sie benutzt, ihre gute Erziehung als Waffe gegen sich selbst einsetzt. Schließlich haben ihre Geschwister, die ja um vieles älter sind, sie immer eher verhätschelt.

Aber in der letzten Zeit hatten auch ihre Geschwister nicht viel Zeit für sie; Leon ist nicht hier, und ihre Cecilia ist mit ihren Gedanken auch ganz woanders. Außerdem gibt es hier in der letzten Zeit Spannungen, die Briony sehr irritieren. Und was sie so beobachtet, irritiert sie: zum Beispiel die Szene am Brunnen, als Cecilia und Robbie um eine Vase streiten. Briony spürt, dass hier etwas vor sich geht, was ihrer Kontrolle entgleitet. Nur was wirklich passiert, begreift sie noch nicht.

Ein Brief von Robbie an Cecilia, den Briony verbotenerweise liest, steigert ihre Verstörung noch: ein ordinäres Wort verwendet der sonst so zurückhaltende Junge. Und als am Abend dann etwas Schreckliches im Garten geschieht, zieht sie die falschen Schlüsse...

In manchmal fast unerträglicher Langsamkeit entrollt McEwan hier das Szenario, das zur Zerstörung mehrerer Leben führt; minutiös erleben wir beim Lesen diese beiden heißen Sommertage mit, an denen die Luft stillsteht, beobachten aus immer wechselnden Perspektiven die Geschehnisse - oder besser, die kleinen Ausschnitte, die gehört oder gesehen werden.

Es ist dieser dauernde Wechsel, der Vorsprung des Lesers, der die Hintergründe kennt, aber auch sieht, welche Schlüsse gezogen werden können, wenn dieses Hintergrundwissen fehlt, was den großen Reiz des Buches ausmacht.

Im zweiten Teil des Romanes erleben wir Robbie in Dünkirchen, im Krieg - auf dem Rückzug. Briony hat nun, Jahre später, ihre Zweifel an den tatsächlichen Geschehnissen dieser Nacht, ihren vernichtenden Anteil daran, endlich manifestieren können; endlich ist ihr klar, was wohl wirklich geschehen war, wie groß ihr Irrtum war. Doch nun ist es zu spät. Wie sehr zu spät, auch das liest man - im dritten und letzten Teil, als Briony zur erfolgreichen Schriftstellerin geworden ist.

Auch wenn sich am Ende alles auflöst, wenn der zweite, sehr ausführliche und auch sehr gute Teil, seine nachträgliche Rechtfertigung erhält - eigentlich hätte man ihn auch streichen können, hätte daraus einen eigenen Roman schreiben können. McEwan zeigt auch hier seine stilistische Meisterschaft: ich habe selten etwas so eindringliches gelesen wie den Rückzug der Truppen nach Dünkirchen, in dem Grausamkeit, Sekundenbruchteile, die über Leben und Tod, ungeahnte Kameradschaft, Zivilcourage, Verbohrtheit und Wahnsinn so nah aneinander waren.

Den Kern dieses Buches bildet für mich die moralische Schuldfrage, die hier aufgeworfen wird: im eigentlichen Sinne hat Briony nicht falsch gehandelt, nur voreilig und unbedacht - und war noch zu viel Kind, um die Zweifel, die sie schon bald hegte, ausmerzen zu können. Aber eben dieses voreilige Urteil, ohne die Hintergründe zu verstehen, bestimmt in so vielen Fällen unser Handeln - *Abbitte* ist eines dieser Bücher, die zum Nachdenken bringen.

Aber vor allem ist es eine meisterhaft erzählte Geschichte, die sicher nicht ohne Grund im Jahr 2001 von den Briten mit den *People´s Booker* ausgezeichnet wurde.

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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