Ian McEwan - Der Trost von Fremden

Originaltitel: The Comfort of Strangers
Roman. Diogenes 1983
189 Seiten, ISBN: 3257212666

Mary und Colin verbringen ihren Urlaub in Venedig. Gleichmaß bestimmt ihre Tage - sie durchwandern die Stadt auf den üblichen Touristenpfaden, verirren sich in den engen Gassen, machen sich sorgfältig zurecht vor dem Abendessen - für niemand bestimmten, für die Fremden draußen.

Eines Abends kommen sie erst viel später als gewöhnlich aus dem Hotel. Auf der Suche nach einem noch offenen Restaurant verirren sie sich zum wiederholten Mal in den Seitengassen. Und laufen einem Mann in die Hände, Robert, der sie zu einem Lokal führen will, in dem sie noch ihren Hunger stillen können. Dort erzählt er ihnen lange und ausführlich von seiner Kindheit, seinem Leben. Und schenkt dabei immer wieder nach.

Es dämmert schon, als sie das Lokal verlassen. An ein Nachhausefinden ist nicht zu denken; Mary und Colin schlafen auf der Straße. Nach dem Aufwachen sind beide stark verkatert, suchen dringend nach etwas zu trinken - um dann erst recht wieder Robert über den Weg zu laufen.

Dieser, voll des schlechten Gewissens in welchem Zustand er sie zurückgelassen hatte, bringt sie zu sich nach Hause, um ihnen mit Schlaf und Wasser wieder auf die Beine zu helfen.

Stunden später wachen sie auf - nackt in einem leeren Raum, ihre Kleider sind weg...

Grandios. Ein Buch, das man, nachdem es zu Ende gelesen ist, erstmal weglegt um zu schlucken, sich zu schütteln und zu versuchen, die Beklemmung, die es ausgelöst hat, wieder loszuwerden.

Das Buch hat die magische Sogwirkung eines Wasserstrudels, langsam, bedächtig beginnt sie sich aufzubauen. Und immer enger wird der Kreis, immer tiefer werden Mary und Colin in ein Geschehen hineingezogen, dessen Auswirkungen sie in keinster Weise abschätzen können.

Ian McEwan schafft es auf diesen wenigen Seiten mit seiner klaren, präzisen und distanzierten Sprache, die sommerliche Hitze Venedigs entstehen zu lassen -und den düsteren Schatten, der sich plötzlich über den beiden zusammenzieht.

"Der Trost von Fremden" gehört mit zu den Büchern, die ich einfach nicht mehr aus der Hand legen konnte. Unbedingt empfehlenswert!

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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