Ian McEwan - Ein Kind zur Zeit

Originaltitel: The Child in Time
Roman. Diogenes 1987
336 Seiten, ISBN: 3257219296

Während des Samstagseinkaufs passiert es - der schlimmste Alptraum aller Eltern wird Wirklichkeit. Während Stephen die Einkäufe in eine Tüte packt, wird seine Tochter entführt. Spurlos verschwunden, durch nichts wieder auffindbar.

Für ihn beginnt eine Zeit der Ruhelosigkeit - jeden Tag verbringt er auf der Straße, forscht nach dem verlorengegangenen Kind, während seine Frau Julie apathisch zu Hause sitzt, sprachlos um das Kind trauert. Eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Trauern ist ihnen nicht möglich. Und irgendwann ist Julie weg, fortgezogen, um wieder zu sich zu finden.

Thelma, die Frau seines Freundes und Verlegers Charles nimmt ihn in ihr Haus auf, hilft ihm aus dieser absoluten Erstarrung wieder aufzuwachen - zumindest soweit, dass er wieder am normalen Leben teilnehmen kann, in seinem Fall an den Sitzungen eines Unterausschusses der Kommission für Kindererziehung. Doch ansonsten macht er absolut nichts.

Eines Tages fährt er Julie besuchen. Auf dem Weg dorthin passiert ihm etwas seltsames: er meint, in einem Pub seine Eltern zu sehen, vor vielen vielen Jahren, noch vor seiner Geburt.

Der Verlust hat auch seine Eltern hart getroffen. Immer wieder nimmt er sich vor, ihnen die Fragen zu stellen, die ihm in letzter Zeit in den Sinn kommen - und nach jenem Pub zu fragen. Seine Mutter erzählt ihm dann auch, was damals war - ein Riss in der Zeit?

Kates Geburtstag naht, und Stephen will zumindest symbolisch ein Geschenk kaufen. Aus diesem einen werden unzählbar viele - dabei weiß er noch nicht mal wirklich, wie sie nun wirklich wäre, 3 Jahre nach ihrer Entführung.

Er glaubt sie auch zu sehen, am Spielplatz einer Schule - und die Tatsache, dass er sich in dieser Angelegenheit täuschen konnte, löst endlich einen Knoten...

Kein leichtverdauliches Buch zum Zwischendurchlesen - dafür steckt viel zu viel in diesen Seiten.

Nicht nur, daß hier eine Ehe, ein Mensch beinahe daran zerbricht, dass etwas so Unfassbares passiert wie eine Kindesentführung; beklemmend ist auch die politische Situation, die geschildert wird. Ein Land, in dem Bettler eine Lizenz haben, in dem Kindsein eine Krankheit ist - wem kann man in so einem Land noch trauen?

Es war schon viele Jahre her, als ich das Buch zum erstenmal gelesen hatte. Ich konnte mich jetzt nur noch grob an den Inhalt erinnern und daran, dass ich damals schwer beeindruckt war.

Es spricht absolut für dieses Buch, dass ich auch nun, beinahe 10 Jahre später, nach erneutem Lesen immer noch begeistert sagen kann: Ein wunderbares Buch!

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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