Ian McEwan - Unschuldige. Eine Berliner Liebesgeschichte

Originaltitel: The Innocent
Roman. Diogenes 1989
378 Seiten, ISBN: 3257225792

Leonard Marnheim ist gerade im Berlin der fünfziger Jahre angekommen. Er soll an einem Geheimprojekt mitarbeiten - die Abhörung der Telefonleitungen der Russen. Höchste Geheimhaltungsstufe, selbstverständlich.

Bob Glass ist sein zuständiger Vorgesetzter - mit ihm geht er auch abends weg, lernt dadurch Maria kennen, eine Berlinerin, die etwas älter ist als er, und außerdem schon geschieden. Seine große Liebe beginnt - und endet aprupt, weil er sich flegelhaft benommen hat. Ausgerechnet am Tag bevor die Abhöraktion tatsächlich beginnt - und Maria verschwindet noch dazu in den Osten Berlins.

Sehr verdächtig - findet jedenfalls Glass. Deswegen verhört er sie auch sehr intensiv, als sie endlich wieder auftaucht - und schick sie zu Leonard zurück.

Leonard hat in er Zwischenzeit angefangen, ein doppeltes Spiel zu treiben - er belauscht nicht nur die Russen, sondern kundschaftet auch die amerikanischen Geräte für England aus, allerdings mit recht bescheidener Ausbeute.

Maria und Leonard beschließen zu heiraten - und ausgerechnet am Abend ihrer Verlobung taucht in ihrer Wohnung der Exmann von Maria, Otto auf. Bei der ersten Schlägerei seines Lebens gewinnt Leonard zwar - doch nun hat er ein anderes Problem.... wohin mit Otto? Es dauert eine Weile, bis etwas Bewegung ins Geschehen kommt, man die Personen ein wenig zuordnen kann.

Aber es lohnt sich, diese Ausdauer aufzubringen - schließlich sind alleine schon die kleinen satirischen Spitzen gegen die Geheimbünde ausgesprochen lesenswert, und die typischen Eigenarten jeder Nation humorvoll ein wenig überzeichnet dargestellt.

Leonard ist ja ein absoluter Blindgänger zu Beginn - noch jungfräulich, absolut naiv. Die Schilderung der Gedankenblitze, die ihm kurz vor der Schlägerei mit Otto durch den Kopf gehen, sind für mich einer der Höhepunkte des Buches gewesen.

Die Schilderung des Vorgehens der beiden danach allerdings auch - ich mußte das Buch dann erstmal weglegen, weil ich gar zu deutliche Bilder vor Augen hatte.

Aber es hat auch Schwächen - es ist etwas langatmig, und richtig Farbe gekommen die Hauptpersonen auch nicht, da wäre wahrscheinlich mehr drinnen gewesen.

Trotzdem ein schönes Lesevergnügen!

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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