Ian McEwan - Liebeswahn

Originaltitel: Enduring Love
Roman. Diogenes 1997
350 Seiten, ISBN: 3257231628

Ein Ballon reißt sich los, verängstigte Schreie eines Kindes klingen daraus hervor. Von verschiedenen Seiten laufen Leute darauf zu, hängen sich an die Seile um ihn am Boden zu halten. Es gelingt beinahe - da reißt eine neue Windbö ihn wieder in die Höhe, auf einen steilen Abgrund zu. Einer - niemand weiß wer - der Beteiligten läßt los, dann der Zweite, der Dritte ... Nur John Logan hält den Ballon fest, bis auch er keine Kraft mehr hat.

Joe Rose war mit seiner Lebensgefährtin Clarissa zu einem Picknick unterwegs, als er die Hilfeschreie vernommen hat - Jed Parry war spazieren.

Ein mitfühlender Blick von Joe, sowie seine Weigerung, sich einem spontanen Gebet anzuschließen, sind der Anstoß für eine schlimme Obsession.

An diesem Abend, während Joe und Clarissa diesen Tag wieder und wieder Revue pasieren lassen, kommt der erste Anruf von Jed - in dem dieser seine Liebe erklärt.

Diesem Anruf folgen weitere, Parry lauert Joe vor dem Haus auf, schreibt ihm täglich lange Liebesbriefe, in denen er immer wieder die Zeichen deutet, die er angeblich von Joe erhält, und ihn immer wieder auch zu Gott zu führen erklärt.

Von Schuldgefühlen geplagt, besucht Joe Jean Logan, die Frau des Opfers. Diese wird, neben der Trauer, von ganz anderen Gefühlen gequält - sie hat einen Seidenschal und Vorbereitungen zu einem Picknick im Auto ihres Mannes gefunden und glaubt nun, er wäre in weiblicher Begleitung gewesen. Joe verspricht ihr, er würde mit allen Mitteln versuchen, sich zu erinnern - und auch mit den anderen Beteiligten sprechen.

Joe glaubt, daß Jed Parry am Clérambault-Syndrom leidet; bei dieser psychischen Störung glaubt der Betroffene, vom Opfer in irgendeiner Form dessen Liebe erfahren zu haben; jede Geste, jeder Blick ist für sie ein Zeichen dieser Liebe, er reagiert nicht auf Ablehnung oder offen gezeigte Haßgefühle - die sind nur Prüfung, oder ein Mittel, um die Umwelt zu täuschen.

Clarissa glaubt nicht daran, daß diese Verflgung tatsächlich stattfindet - zwischen Joe und ihr entsteht ein massiver Riß in der Beziehung.

An Clarissas Geburtstag versucht Joe, mittlerweile völlig von dieser Verfolgung und der Angst vor ihren Folgen besessen, die Polizei in diesen Fall einzuschalten - hat aber keinen Erfolg. Beim gemeinsamen Geburtstagsessen wird ein Mannam Nebentisch angeschossen - und Joe erkennt Parry, der den Täter mit einem entsetzten Schrei davon abhält, noch einmal abzudrücken, da er den falschen gewählt hat.

Doch auch nun glaubt die Polizei ihm noch nicht - auch Clarissa erklärt ihn mehr oder weniger für verrückt - bis Joe dann ihren Anruf erhält; total verängstigt, da Parry sie mit dem Messer bedroht... Währen der ersten 50 Seiten war ich noch etwas skeptisch. Die Geschichte erschien mir zwar von der Thematik interessant, doch die Schilderung dieses Ballonunglücks schien mit etwas langatmig geraten.

Aber ab dem ersten Anruf Parrys gewinnt das Buch von Seite zu Seite an Dramatik, Spannung und Tempo - trotz oder gerdae wegen zum Teil minutiösen Beschreibungen.

Die Veränderung, die mit Joe vor sich geht, die zunehmende Entfremdung von Clarissa - das alles wird ganz genau erzählt und ist derart intensiv, daß man sich unheimlich gut in die Lage der Betroffenen versetzen kann.

Die Briefe Parys und der Wahnsinn, der daraus spricht, bedrängen auch den Leser.

Joe Rose ist Wissenschaftsjournalist - und während er versucht, hinter die Ursache für diese Besessenheit zu gelangen, erfährt man einiges über psychische Störungen.

Die wissenschaftliche Arbeit ist überhaupt sehr gut in das Buch mit eingebuden.

Ein Aspekt, der sich durch das ganze Buch zieht, ist Clarissas Kinderlosigkeit und die Art und Weise, wie beide damit umgehen, ihre Kinderliebe - vor allem in den Szenen, die bei der Witwe und ihren Kindern spielen.

Pein und Seelenqualen kann McEwan unheimlich gut beschreiben - wie sehr Jean Logan unter ihrer Vermutung und der Ungewissheit leidet, ihr Mann wäre mit einer anderen Frau zusammen gewesen - und ihr Schmerz und ihre Selbstvorwürfe, als sie die Wahrheit erfährt.

Für mich was es das dritte Buch, das ich von Ian McEwan gelesen habe - und bei weitem das Beste! Die gesamte Handlung ist sehr logisch durchdacht aufgebaut - einige Unklarheiten vom Beginn lösen sich gegen Ende auf. Flüssig erzählt, eindringlich und intensiv - mit den nötigen Entspannungen dazwischen.

Außerdem hat es mir sehr gutgefallen, daß dasBuch nicht in einem glatten Happy-End endet, sondern die Verwundungen und Veränderungen, die die Personen durchlebt haben, rechnet.

Sehr lesenswert!

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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