Roger McDonald - Mr. Darwins unentbehrlicher Gehilfe

Originaltitel: Mr Darwins Shooter
Roman. Piper Verlag 2002
409 Seiten, ISBN: 3492042171

Es war eine denkwürdige Begegnung, die Syms Covington 1828 in seinem kleinen Dorf hatte: Da war ein Mann unterwegs mit Jungen, so wie ihm, die gemeinsam durchs Land zogen - auf dem Weg zur See, einem ruhmreichen, gottesfürchtigen Leben auf See entgegen.

Harte Lehrjahre auf See, die erste Begegnung mit fremden Kulturen, mit Frauen, die wachsende Emanzipation von seinem Lehrmeister, für den er nicht keusch genug bleibt - das ist das eine. Aber viel wichtiger wird bei der zweiten großen Ausfahrt der Passagier, der ihn völlig fasziniert: Charles Darwin.

Dieser junge Edelmann ist auf die Reise mitgekommen, um seine Forschungen weiterzutreiben, um neue Tierarten zu entdecken; und schon bald entdeckt er, dass er in Syms Covington einen unerschüttlichen, treuen Begleiter hat, der sich rasch ebenso gut wie er darauf versteht, die Tierarten zu klassifizieren, jagen und präparieren.

Nur: sympathisch ist er ihm nicht, dieser grobschlächtige Bauernjunge, der die ganze Zeit den Mund offen hält, das lässt er Syms auch immer wieder spüren, der im Gegenzug mit geradezu hündischer Ergebenheit an seinem Vorbild hängt.

Aber das wirkliche Drama zeichnet sich erst Jahre später ab, als Syms bereits mit Frau und Kindern in Australien sesshaft geworden ist: es geht das Gerücht, das Darwin an einem Buch schreibt, das mit den Bibelweisheiten nicht konform geht. Und das stürzt den gottesgläubigen Syms in schwere Nöte...

In schwere Nöte gerate auch ich, wenn ich ein Urteil über dieses Buch abgeben soll. Da gibt es lange Passagen, die mich vollends in diese Welt eintauchen lassen, in der von der "Entstehung der Arten" noch keine Rede ist, wo noch ganz andere Erklärungen für uns heute Alltägliches herhalten müssen. Und diesen Unterschied hat der Autor über weite Strecken wirklich auf eine Art und Weise heraufbeschworen, die ich sehr geschätzt habe: ohne belehrend zu werden, ohne allzu plakativ darauf hinzuweisen.

Aber schon alleine der dramaturgische Aufbau des Plots hat mir einige Schwierigkeiten bereitet. Nicht, weil es so schwierig gewesen wäre, ihm zu folgen - aber weil gerade die langen Textabschnitte, in denen Syms schon in Australien lebt und sich langsam mit dem dort ansässigen Arzt befreundet, so furchtbar zäh zu lesen sind, zumindest in der Anfangszeit.

Als dann das große Geheimnis endlich gelüftet ist und Darwins "Entstehung der Arten" bis nach Australien verschifft wird - da endlich nimmt der Autor dann Abstand vor der allzu schwülstig-mysteriösen Erzählweise.

Ich bin kein großer Freund von historischen Romanen; aber was mich an dem Genre häufig stört, wurde mir hier zum Glück großteils erspart. In den besten Abschnitten erinnerte mich das Buch an "Die Entdeckung der Langsamkeit" von Sten Nadolny - leider ohne durchgängig auf diesem Niveau bleiben zu können.

Roger McDonald

Roger McDonald ist einer der bekanntesten Schriftsteller Australiens. Er wurde 1941 in New South Wales geboren und lebt heute in Sydney. McDonald hat Lyrik und Reiseberichte, Essays und Drehbücher und bislang sechs Romane verfasst. Für "Mr Darwin´s Shooter", der ein Jahr lang auf der Bestsellerliste stand, erhielt er die wichtigsten australischen Literaturpreise

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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